"Kleine Zeitung" Kommentar: "Klestil, ein Hörender" (von Hans Winkler)

Ausgabe vom 3. 7. 2000

Graz (OTS) - Eine der "bilateralen Maßnahmen", wie die EU-14 ihre Sanktionen gegen Österreich grob verharmlosend nennen, ist das Einfrieren der direkten Beziehungen der Regierungen mit der österreichischen. Für die Botschafter aus den EU-Ländern in Wien ist es gar nicht so leicht, der Regierung auszuweichen, wenn sie nicht überhaupt alle Kontakte einstellen wollen. Als kürzlich das Abschiedsfest für Leo Maderthaner gefeiert wurde, waren mehrere Botschafter und mehrere Minister da. Wolfgang Schüssel versäumte nicht, sie genüsslich willkommen zu heißen. Allerdings verschwanden die Diplomaten sofort nach den Festreden, um keinem Minister die Hand geben zu müssen.

In der Präsidentschaftskanzlei pflegt man einen gepflegten Ton zumindest nach außen hin. Die Tatsache, dass Thomas Klestil bei den Gesprächen hinter den Kulissen über die Einsetzung des "Weisenrats" nicht konsultiert wurde, wird elegant umschrieben: "Der Herr Bundespräsident war in dieser Sache ein Hörender." Etwas unverblümter könnte man auch sagen: Er hat es aus der Zeitung erfahren. Hier teilt er das Schicksal des Kanzlers und der Außenministerin. Die erfuhren den Inhalt des Textes der EU-Präsidentschaft auch vier Tage früher aus der Zeitung, bevor er ihnen per Fax aus Lissabon zuging.

Seine Partei liege jetzt im "Trockendock", hat seinerzeit der ÖVP-Generalsekretär Helmut Kohlmaier nach einer herben Wahlniederlage gesagt und dafür viel Spott geerntet. Derzeit liegt die SPÖ im Trockendock. Was genau an ihr repariert wird, welche Lecks gestopft werden, welche Farbe der Dampfer bekommen soll und vor allem, wann er wie der in See stechen kann, weiß niemand genau.

Repariert wird an zwei Stellen: Das Bundessekretariat in der Wiener Löwelstraße bekommt eine neue Organisationsstruktur. Dabei steht die SPÖ vor einer ungewohnten Situation. Erstmals seit dreißig Jahren ist der Chef nicht Bundeskanzler und sitzt daher den ganzen Tag in seinem Parteibüro, wenn er nicht gerade im Ausland ist. Die zweite Reparaturstelle ist der SPÖ-Klub. Dort ist man dabei, Arbeitsgruppen aus SPÖ-Leuten und Experten zu bilden, die Ideen für den künftigen Kurs des Schiffes SPÖ entwickeln sollen.
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