WirtschaftsBlatt über die EU Der Waisenrat von Peter Muzik

Kommentar 1.7.2000

Wien (OTS) - Es gibt Weise und Waisen. Die einen geben Rat, die anderen brauchen ihn, und manchmal werden die Rollen auch getauscht. Beim Blick auf amerikanische Wachstumsziffern und Budgetüberschüsse fühlen sich die Europäer schon lange als Waisenkinder. Innerhalb der 15er-Gemeinschaft der Europäischen Union hingegen wurde Österreich weggelegt wie ein Kind, während die 14 die Gerechten spielen. Mit der Realität haben diese psychologischen Aufrechnungen zum Glück nicht immer zu tun. Die Wirtschaftsdaten (siehe Seite A3) deuten auf eine gute Konjunkturentwicklung Europas, Österreich eingeschlossen, hin. Fast bricht ein Jahrhundertsommer an. Euro-Schwäche? Nebbich! Sanktionspolitik - wo denn, was denn? 40.000 Arbeitsplätze mehr in Österreich, 3,2 Millionen mehr in der EU. Wirtschaftswachstum, Exportboom. Europas BIP wird 2001 möglicherweise rascher wachsen als die amerikanische. Diese Prognosen sollen nicht zur Euphorie führen, sondern den Realitätssinn schärfen. Die transatlantische Rollenverteilung funktioniert üblicherweise nach einem einzigen Schema: Die Amerikaner sind fast immer die Stärkeren, jedenfalls immer die Guten. In Gottes auserwähltem Land werden zwar Schuldige und Unschuldige regelmässig nach strengen juristischen Regeln ins Jenseits befördert, aber das ist keine humanitäre Frage, in die sich der Rest der Welt einmischen dürfte. Und sie soll bitte auch nicht fragen, wie sich in der Weltgendarmenrolle der USA und der von ihr dominierten Nato eine global ausgewogene Gerechtigkeit bemerkbar macht. Anderseits die Europäer und das amerikanische Klischee von ihnen: ein seit der Zeit des Hellenismus kulturell eindrucksvoll degenerierter Völkerhaufen, seit der Hitler-Ära offenbar auch für künftige Generationen erpressbar, mit Sprachfehlern behaftet (in Athen reden sie anders als in Oslo und nirgends richtiges amerikanisches Englisch) - kurzum: sie sind geschichtsträchtig, aber effizient bestenfalls als Geldwäscher. Die Wirtschaftszahlen sprechen eine andere Sprache. Würden die Europäer weniger streiten, könnten sie stolz auf ihre wachsenden Erfolge sein. Auch Österreich ist mit dabei, die Sanktionen sind Nebensache. Also: Weitermachen, sich anstrengen, bei guter Konjunktur den Staatshaushalt sanieren. Das ist gewissermassen ein Waisenrat. (Schluss ) PM

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