"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Führungswechsel" (von Claus Reitan)

Ausgabe vom 1. 7. 2000

Innsbruck (OTS) - Die Tiroler Volkspartei steht vor einem Führungswechsel, dessen Bedeutsamkeit und Folgen den Rahmen dieser Partei weit überschreiten. Der ÖVP-Chef ist stets auch Landeshauptmann-Kandidat. Die Delegierten des Landesparteitages werden am Samstag voraussichtlich Landesrat Ferdinand Eberle als neuen Parteiobmann wählen. Eberle löst Wendelin Weingartner ab, der weiterhin Landeshauptmann bleibt. Damit beginnt in der ÖVP eine neue Ära.

Für Weingartner war der geistige und kulturelle Zusammenhalt aller Landesteile Tirols das wahrscheinlich größte Anliegen. Er hat auf diesem Gebiet einiges erreicht. Weingartners Wurzlen liegen südlich des Brenners, jene Eberles hingegen nördlich des Fernpasses. Eberle setzt auf Wirtschaft und Unternehmen. Er will Tirol als Standort im Wettbewerb der europäischen Regionen profilieren. Der heutige Landesparteitag in Innsbruck wird zeigen, wie sehr die Vertrauensleute der Partei diesen Kurs wünschen.

Diese Partei, deren Funktionäre Weingartner gezielt zurückdrängte, hat zu neuartigem Selbstbewußtsein gefunden. Die Bünde haben daher zuletzt in einigen Bereichen eine andere Linie verfolgt als ihr Obmann. Doch Eberle will die Parteikader wieder aufwerten. Darin liegt eine Gefahr.

Die ÖVP ist in Tirol stärkste Partei. Sie hat ihre Pflicht, die Themen des Landes zu ihren zu machen, vernachlässigt. Die Probleme Transit, Getränkesteuer und Grundverkehr leiden auch an den Interessengegensätzen innerhalb der ÖVP. Diese Partei hat aber nicht das Recht, aus ihren internen Konflikten solche des Landes werden zu lassen. Werden nun Bünde und Teilorganisationen in der Partei zu mächtig, vergessen sie ihre Pflichten gegenüber dem Ganzen und nehmen sich Rechte heraus, die ihnen nicht zustehen.

Der Wähler hat die Rechnung dafür schon präsentiert. Die Wahlbeteiligung sinkt, jeder Vierte bleibt den Urnen fern. In absoluten Zahlen hat die ÖVP nur mehr ein Drittel der Wähler hinter sich. Um das zu ändern braucht es mehr als einen neuen Parteiobmann.

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