"Neue Zeit" Kommentar: "Erdbeben" (von Günther Gruber)

Ausgabe vom 30. 6. 2000

Graz (OTS) - Sollte morgen in der Steiermark wirklich der vertragslose Zustand beginnen, wäre das ein sozial- und gesellschaftspolitisches Erdbeben in Österreich. Es würde jener Grundsatz über Bord geworfen, der den Menschen weitgehend ohne Rücksicht auf ihr Einkommen eine medizinische Vollversorgung garantiert. Gesundheit würde zu einem enorm teuren Gut.

Die Schuld für das Ende unseres bisherigen Gesundheitssystems schieben sich Ärztekammer und Gebietskrankenkassen gegenseitig zu. In jedem Fall ist es eine Kraftprobe auf Kosten der Patienten. Wären kranke Menschen ohnehin schon gestraft genug, müssten sie die Arzthonorare vorstrecken, ehe sie ihnen die GKK refundiert, legte die Ärztekammer noch ein Schäuferl nach. Sie erhöhte die Honorare zum Teil um weit mehr als hundert Prozent, so dass Familien mit Kindern oder chronisch Kranke bei mehrmalig notwendiger ärztlicher Hilfe Tausende Schillinge selbst zu zahlen hätten.

Die Ärztekammer hat auch ein Indiz dafür geliefert, dass sie an einer Einigung in letzter Minute gar nicht mehr interessiert war. Noch bevor sich ihr Präsident Wolfgang Routil zu einer letzten Runde mit der GKK an den Verhandlundlungstisch gesetzt hat, schrieb er einen Brief an die Ärzte, in dem er diesen mitteilte, sie mögen sich auf einen dauerhaften vertragslosen Zustand einrichten. Routil hat also noch vor Beginn einer Verhandlungsrunde das Ergebnis derselben verlautbart. Der Verdacht von klassischen Scheinverhandlungen liegt nahe.

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