"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Bloß Entsetzen?" (von Monika Dajc)

Ausgabe vom 21. 6. 2000

Innsbruck (OTS) - Kommen die Reaktionen nach dem Leichenfund in Dover über europaweites Entsetzen hinaus? Hunderttausende warten in den verschiedensten Ländern darauf, aus der Bannmeile von Not und Elend auszubrechen. Weltumspannende TV-Information transportiert bis in die hintersten Winkel der Welt Szenen europäischen und amerikanischen Wohlergehens. Die Bilder wirken als Magneten, vermitteln die einfache Botschaft, dass sich Reichtum in diesen Breiten gewissermaßen automatisch einstellt. Und skrupellose Geschäftemacher sind mit ihrem verbrecherischen Tun drauf und dran, die millionenschweren Netze der Rauschgifthändler noch zu übertreffen. Schlepperei als boomender Geschäftszweig am Beginn des dritten Jahrtausends?

Wie so oft, wenn es um brisante Fragen geht, machen die Regierenden einen weiten Bogen um zielführende Maßnahmen. Seit Jahren wird die einheitliche Asylpolitik als EU-Priorität gehandelt. In der Praxis ist man über Ansätze nicht hinaus gekommen. Und mit Beständigkeit wird die Zuwanderungsdebatte zuallererst um den Schwerpunkt Kriminalität geführt. Da mutet es fast schon wie ein wagemutiger Vorstoß in völliges Neuland an, wenn etwa die CDU in einem Positionspapiert zum Schluss kommt, die Debatte über die Green-Card habe gezeigt, dass Zuwanderung für das Aufnahmeland nicht nur Belastung, sondern auch Bereicherung bedeuten kann.

Die Kluft zwischen Armen und Reichen wird sich noch vergrößern. Die Globalisierung hat ungeheure Dynamik ausgelöst. Wer bisher schon am Rande stand, muss noch mehr auf der Hut sein. Umso bedauerlicher, dass es bisher noch keinen Versuch gab, den schillernden Pioniergeist mit Gesetzen in geordnete Bahnen zu lenken. Europa wird die Debatte mit neuer Einsicht führen müssen. Die Garantie fairer Entwicklung aller, die möglichst vielen Menschen rund um den Globus glaubwürdige Chancen bietet, gehört dazu. In weltumspannenden Dimensionen zu denken und zu handeln, muss der Politik zusätzliche Glaubwürdigkeit geben.

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