"Kleine Zeitung" Kommentar: "Unser Land als Karikatur" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 18.6.2000

Graz (OTS) - Christoph Schlingensief ist ein ganz besonderer Schlaumeier. Weil die Behörden das über dem Container vor der Staatsoper hängende Schild "Ausländer raus!" nicht entfernen ließen, wertete der von den Wiener Festwochen engagierte deutsche Provokationsprofi den Umstand des Nicht-Verbietens als Beweis für den Rassismus der österreichischen Regierung. Wäre das Transparent eingezogen worden, hätte der Schlingel dies wohl ebenso als Rassismus bezeichnet und überdies auch noch über Zensur und Polizeistaat geklagt.

Die Aktion ist durchschaubar. Das Spektakel im Herzen Wiens, das Passanten erregt und Touristen verstört, wird bald Vergangenheit sein. Aber: Wird es nciht Spuren hinterlassen, die über den Tag hinaus bleiben? Gibt es unter uns nicht auch Provokateure, die -bewusst oder unbewusst - ein Zerrbild von Österreich als Hort des Rassismus, Faschismus und Nazismus zeichnen?

Die Nachrichten aus dem anderen Österreich, das nicht diesem Feindbild entspricht, haben derzeit keine Chance, die Wahrnehmungsschwelle zu durchbrechen.

Ein Beispiel: Der Wirtschaftsminister hat unter Hinweis auf die gute Beschäftigungslage einen Erlass unterschrieben, der Familienangehörigen von legal in Österreich lebenden Ausländern den Zugang zum Arbeitsmarkt öffnet. In den nächsten Jahren sollen rund 25.000 Beschäftigungsbewilligungen erteilt werden.

Mit dieser Lockerung der sehr rigiden Vollziehung des Ausländerbeschäftigungsgesetzes sind keineswegs alle Probleme gelöst, aber ein erster Schritt ist es jedenfalls. Als Signal, dass die neue Regierung einen anderen Kurs steuert als die alte Regierung, wurde der Erlass aber nicht aufgenommen. Der Chor der Kritiker war lauter. In das Geschrei stimmten auch Leute ein, die die Ausländergesetze hätten ändern können, als sie noch an der Macht waren.

Die korrekte Gesinnung kann die konkreten Taten nicht ersetzen. Der Schulschluss rückt näher. Haben die Unterrichtsbehörden vorgesorgt, wenn im Herbst die Kinder von Ausländern erstmals zur Schule gehen? Gibt es genügend Hilfslehrer, die den Erstklasslern mit mangelnden Deutschkenntnissen beistehen? Warum werden keine verpflichtenden Vorschulkurse eingerichtet? Wann werden die Schulsprengel so eingeteilt, dass Gettoschulen verhindert werden?

Und was ist mit der Integration am Wohnungsmarkt? Was hindert den Wiener Bürgermeister, die Gemeindebauten für Ausländer zu öffnen? Oder schaut er lieber weg, wie sich in den Wohnblöcken die Verhältnisse schleichend ändern und damit jenen, die dort "Ausländer, raus!" rufen, einen pseudolegitimen Vorwand liefern?

Nur anklagend mit dem Finger auf die Übeltäter zu zeigen ist zu wenig. Die Empörung über den Anti-Ausländer-Wahlkampf der Wiener FPÖ wäre glaubwürdiger, wenn der oberste Rathausmann zeigte, dass die Abscheu nicht gespielt und die Ausländerliebe kein Lippenbekenntnis ist.

Vermutlich gibt es in der Politik genug Aktionskünstler vom Schlage des Christoph Schlingensief, die sich mit der Selbstdarstellung begnügen. ****

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