"Pjöngjang und Disney-World" (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 14.6.2000

Es gab Pessimisten, die geglaubt haben, die kommunistische Führung in Pjöngjang werde im letzten Augenblick einen Rückzieher machen und das historische Gipfeltreffen zwischen den beiden Staatschefs der seit 1945 geteilten koreanischen Halbinsel werde gar nicht zustande kommen. Weit gefehlt. Nordkoreas Staatschef Kim Jong Il kam seinem Gast aus dem Süden, Kim Dae-Jung, sogar entgegen und empfing ihn höchstselbst am Flughafen, gut gelaunt und aufgeräumt, als träfe er einen alten Bekannten. Und doch stach gleich bei der Begrüßung ins Auge, daß hier zwei völlig verschiedene Welten zusammenprallen.
In Nordkorea scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Wie Kim Jong Il auf der Gangway in seinem straff über den Kugelbauch gespannten Khaki-Anzug durch die Reihen adretter, auf Kommando freudig winkender Genossinnen tänzelte, das machte mit einem Schlag längst versunken geglaubte Zeiten wieder lebendig. Der Kommunismus lebt, nur leider nicht in Disney-World, sondern in der Realität, einer für die nordkoreanische Bevölkerung bitteren Realität.
Daß sich die kommunistische Führung in Pjöngjang nach Jahrzehnten der Abschottung langsam, aber doch öffnet, hat einen einfachen Grund: Ohne Hilfe von außen ist dieses Land nicht mehr lebensfähig. Kim Jong Il wird deshalb die delikate Gratwanderung versuchen, an Finanzspritzen aus dem Westen heranzukommen, ohne sein Regime zu unterminieren. Ein Vorbild hat er nach langem Verharren im Alt-Stalinismus nun möglicherweise in China erblickt.
An eine Wiedervereinigung zwischen Nord- und Südkorea ist momentan nicht im entferntesten zu denken. Niemand ist daran interessiert. Kim Jong Il nicht, weil er an der Macht bleiben will. Und der Süden nicht, weil ihm die Milliarden fehlen, um dem desolaten Norden auf die Beine zu helfen. Der Wert des Gipfeltreffens in Pjöngjang liegt vor allem im Symbolischen. Konkrete Ergebnisse wird es kaum geben. Die einfachen Bürger wären wohl zufrieden, wenn sie mit ihren Verwandten auf der anderen Seite des 38.Breitengrades wenigstens einmal telephonieren könnten. Denn nicht einmal das war in den letzten Jahrzehnten möglich.

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