"Die Presse" Kommentar: "Anmerkungen zum Tod eines Despoten" (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 13.6.2000

Wien (OTS). Was rechtfertigt die postumen Lobeshymnen, die auch in westlichen
Staatskanzleien auf den verstorbenen syrischen Präsidenten Hafis al-Assad angestimmt werden? Daß er etwa 1982 die Stadt Hama, Hochburg der oppositionellen Moslembrüder, dem Erdboden gleich machen und mehr als 20.000 Menschen töten ließ?
Die viel beschworene Stabilität, für die Assad in den 30 Jahren seiner Diktatur gesorgt hat, roch für zu viele syrische Bürger nach Gefängnis oder Friedhof, als daß man sie jetzt lobend hervorheben sollte. Auch für diplomatische Höflichkeitsfloskeln gibt es Grenzen. Es stimmt: Assad war eine vergleichsweise berechenbare Größe auf der arabischen Bühne. Vom Wahnsinn eines Saddam Hussein trennten ihn Welten.
Assad hasardierte nicht, er taktierte. Raffte er sich einmal zu Vereinbarungen auf, dann hielt er sie auch ein. Ihn, wie es Henry Kissinger und danach viele andere Experten getan haben, in den Rang eines großen Strategen zu heben, scheint indes vermessen.
Ja, es mag manchem Macchiavellisten Respekt abringen, wie Assad den einst souveränen Libanon vor aller Welt zum Vasallen degradiert hat. Sein eigenes Land jedoch hat er in die Sackgasse geführt. Mehrmals hat er aus blindem Nationalismus die Chance auf Frieden mit Israel verspielt. Eine Öffnung Syriens hat er stets verhindert. Er zog es vor, die Schotten dicht zu halten, um seine Macht nicht zu gefährden. Umso unsicherer sitzt nun Sohn Baschar im Sattel. Bisher ließ sich zwar die für eine Republik sehr seltsame dynastische Erbfolge Syriens relativ reibungslos an. Schon aber meldet Baschars Onkel Rifaat aus dem europäischen Exil seinen Machtanspruch an. Baschar hat sich zudem mit seiner jüngsten Anti-Korruptionskampagne eine Reihe einflußreicher Feinde geschaffen. Und der Umstand, daß der Assad-Clan eine Minderheit, die alawitische, vertritt, ist auch nicht unbedingt von Vorteil.
Letztlich wird alles davon abhängen, ob Baschar die Armee hinter sich scharen kann. Große Reformsprünge oder gar einen Friedensschluß mit Israel kann er in dieser Situation nicht wagen. Aber Stagnation war ja schon unter Baschars nun allseits gelobtem Vater angesagt.

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