DER STANDARD kommentiert in seiner Dienstag-Ausgabe den SS-Spruch von Ernest Windholz anlässlich des FP-Parteitags in Niederösterreich und den moralischen Druck, dem die deutsche Sprache unterliegt:

Wien (OTS) - In Fleisch und Blut
Ernest Windholz und die Tabuisierung nationalsozialistischer Diktion (Michael Cerha) =

Die Sprache dient der Ver- ständigung. Wir benützen
sie, um einander mitzuteilen, was wir einander mitteilen wollen. Seit Sigmund Freud wissen wir, dass wir gar nicht genug auf der Hut sein können, uns dabei nicht auch gelegentlich das mitzuteilen, was wir einander nicht mitteilen wollen: Gedanken, Wünsche und Haltungen, die in uns virulent sind, die wir aber glauben, besser zu verbergen. Vor der Umgebung, manchmal sogar vor uns selbst.

Seit dem 8. Mai 1945 unterliegt der Gebrauch der deutschen Sprache einem besonderen moralischen Druck. Mit der so genannten Stunde null wurde ein ganzer Katalog von Wörtern und Wortwendungen, die der Nationalsozialismus geprägt oder mit spezifischen Inhalten verbunden hatte, über Nacht obsolet. Aus Einsicht. Leider nicht aus der Einsicht, dass das vorherige Idiom den Totalitarismus des NSDAP-Systems, dessen völkische Ideologie und blutigen Expansionismus sowie die Ermordung von sechs Millionen schuldlosen Menschen bemäntelt hat. Sondern bloß aus der Einsicht, dass die Rückkehr zu Demokratie und Rechtsstaat anders der Weltöffentlichkeit nicht glaubwürdig erschienen wäre.

Manch ein "Witz" der Nachkriegszeit belegt makaber, dass der Prozess nicht ohne Abwehrreaktionen vor sich ging. Aufgrund der personellen Kontinuität in vielen öffentlichen Bereichen wirkte die geänderte Ausdrucksweise wie der sprichwörtliche Wechsel der Hemden. Und im Sog des Opportunismus wurde in die Zweite Republik getragen, was eine Re-Humanisierung von der Schwelle weisen hätte sollen.

Dass die Absage an die Vergangenheit vielfach nur ein Lippenbekenntnis blieb, das den mehr oder weniger unbewusst vorhandenen Vorstellungen, Wünschen und Haltungen nicht entsprach, zeitigte und zeitigt immer noch Folgen, die an Stammtischen hörbar werden, überraschend in manchen Gesprächen und, am auffälligsten, immer wieder in Politikerreden.

Der Hoffnung, dass sich das eines Tages von selbst aufhört, widerspricht die Realität. Es wird nicht aufhören, solange sich nichts an der Tatsache ändert, dass die notwendige moralische (und semantische) Begleitarbeit zur österreichischen Demokratisierung von der Nachkriegszeit bis heute im Grunde auf einige Wissenschafter beschränkt blieb, auf einige exponierte (und isolierte) Institutionen und auf eine Literatur, die viel zu wenig Leser findet.

Die Verdrängung ist auf das Schweigen angewiesen, die Möglichkeit der ungestörten Menschenverachtung wächst, wo die Kultur beiseite geschoben wird. Die besondere Aufmerksamkeit für die Sprache, für die ideologisch oft fatale Geheimfracht der Wörter zählt zu den besonderen Kennzeichen der österreichischen Nachkriegsliteratur. Im Ausland. Im Inland nicht. Hier sind selbst die sporadischen Literaturveranstaltungen im Parlament wieder eingeschlafen. Hier kann ein Landeshauptmann stolz darauf sein, kein einziges österreichisches Buch je angeschaut zu haben. Und es erhebt sich weit und breit kein Politiker, der darauf hinweisen würde, welche Folgen die Abschottung von jenen hat, die sich bemühen, dem Land zu einer bewussteren Rede zu verhelfen.

Das Fortleben nationalsozialistischer Parolen und Vorstellungen in Österreich beschränkt sich demgemäß leider keineswegs nur auf die Funktionäre der FPÖ. Es schließt, begünstigt durch den zündelnden Sprachgebrauch der Boulevard-Medien, die ÖVP ein, die SPÖ und endlich - in Wirkung und Gegenwirkung - gefährlich weite Teile der Bevölkerung.

Die Besonderheit einiger gegenwärtiger FPÖ-Funktionäre liegt nur darin, dass sie begonnen haben, offen von der politischen Ethik der Republik abzurücken. Sie weigern sich, das Skandalöse im Transfer nationalsozialistischer Ideologeme zu sehen. Sie geben diesen Transfer als das harmlose Produkt individueller historischer Unbedarftheit aus. Als ob es unbedenklicher wäre, dass die Diktion der SS einem 40-Jährigen in Fleisch und Blut sitzt.

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