Big Brother is watching you

Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit
(Von Hans Köppl)

Der große Bruder sieht dich an, heißt es gleich am Beginn von George Orwells utopischem Roman über eine menschenverachtende, totalitäre Herrschaft, ã1984Ò. Fünfzig Jahre nach dem Erscheinen der deutschen Fassung ist ãBig BrotherÒ zum abgeschmackten Gemeinschaftserlebnis des deutschsprachigen Fernsehpublikums mutiert. Beobachten und beobachtet werden jetzt nicht mehr als politische Horrorvision, sondern als Show. Big Brother ein gesellschaftspolitisches Faszinosum.
So ändern sich die Zeiten. Auch auf politischer Ebene. Hier mutierte das englische ãwatchingÒ zu ãmonitoringÒ. Das ist jene Form der Beobachtung, die einen Ausweg aus dem Sanktionsdilemma der EU gegenüber Österreich bieten soll.
Man könnte nun an dieses ãmonitoringÒ herangehen wie an den Big Brother von RTL2. Hier ist die anfängliche Entrüstung einer differenzierten, insgesamt eher ratlosen Interpretation dieses Geschehens gewichen. Man beobachtet die Beobachtung, alle schauen auf alle. Die Fernsehkonsumenten gucken auf das, was sich im Container tut, Soziologen, Psychologen, Verhaltensforscher usw. beobachten das Fernsehpublikum und die Protagonisten im Container. Warum sollte Big Brother nicht auch ein sich in Harmlosigkeit auflösendes EU-Spektakel werden? Die EU-14 beobachten Österreich, wir schauen uns die Beobachter an?
Apropos Anschauen. Warum eigentlich tun wir es nicht schon jetzt? Warum schauen wir nicht einfach gelassen zu, wie die vierzehn es anstellen, sich aus ihrer Sanktionen-Verstrickung herauszuwinden. Der Aktionsplan gegen die Sanktionen, den sich die Regierung ausgedacht hat, war ziemlich überflüssig, insbesondere die darin enthaltene Volksbefragung. Eine solche ist bloß hanebüchener Populismus, allerdings mit der Gefahr, ebenso kontraproduktiv zu wirken wie die Sanktionen selbst. Haben diese zur Konsequenz, die Position der Regierung zu stärken, könnte jene nur zu einer ebenso unerwünschten Verhärtung führen. Was läge also näher als EU-politisches Business as usual, abwarten und beobachten. Wäre da freilich nicht der Kärntner Unsicherheitsfaktor.

Der Wunsch nach mehr Gelassenheit widerspricht auf den ersten Blick einem noch taufrischen Umfrageergebnis, wonach die Österreicher derzeit nichts mehr ärgert als die EU-Sanktionen. Wie jedermann weiß, hängt das Ergebnis einer Umfrage immer davon ab, wie die Fragenpalette lautet. Man wird diesen Ärger daher durchaus relativieren dürfen. Bei entsprechender Fragestellung könnte sich auch herausstellen, dass die causa prima, nämlich das ständige Hochspielen der Sanktionen, die Österreicher schon längst anödet, ihnen zum Halse heraushängt.

Wie Gelassenheit täte auch Relativierung not. Nämlich was Nationalpopulismus und Fremdenfeindlichkeit betrifft. Trotz neun Prozent Einwanderern bezogen auf die Gesamtbevölkerung sind die Österreicher nicht chauvinistischer als die Amerikaner, Ungarn oder Australier, besagt eine internationale Studie. Nur: Mit Relativieren lässt sich halt leider keine Emotion entfachen.

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