WirtschaftsBlatt über die Arisierungsfrage: Arisierungsfrage: Wer zahlt wie viel? (von Wolfgang Unterhuber)

Ausgabe vom 24.5.2000

Wien (OTS) - In der Aufarbeitung der braunen Vergangenheit hat die schwarz-blaue Regierung bisher ein erfrischendes Tempo hingelegt. Das mag seine Ursachen auch darin haben, dass Österreich derzeit im internationalen Rampenlicht steht. Aber das war in den letzten Jahrzehnten anlässlich diverser Affären rund um die NS-Vergangenheit (z.B. die Waldheim-Krise) öfters der Fall, ohne dass es die damaligen Regierungen für notwendig befunden hätten, die Frage der Sühneleistungen anzugehen. Umso erfreulicher, dass das Problem der Zwangsarbeiter-Entschädigung so gut wie unter Dach und Fach zu sein scheint. Positiv auch, dass jetzt endlich die Arisierungsfrage geklärt werden soll. Dabei ist wie in der Zwangsarbeiter-Diskussion erneut diplomatisches Geschick, vor allem aber Sachlichkeit erforderlich. Denn mit grosser Wahrscheinlichkeit darf angenommen werden, dass die Gespräche und Verhandlungen von Klagen und Boykottdrohungen aus den USA begleitet werden. Auch in der formellen Abwicklung warten auf den Regierungsbeauftragten Ernst Sucharipa grosse Herausforderungen. So wurden nach neuesten Forschungsergebnissen allein in Wien 33.000 jüdische Betriebe und Geschäfte zwangsenteignet, wobei gut 90 Prozent sofort geschlossen wurden. Es steht ausser Frage, dass bei der Entschädigung sowohl die arisierten als auch die liquidierten Firmen berücksichtigt werden müssen. Das aber erfordert minutiöse Untersuchungen und Nachforschungen, die einen grossen Zeitaufwand erfordern. Historiker sprechen gar von einigen Jahren. Es wird also schwer sein, den Eindruck von Verzögerungstaktiken zu vermeiden. Am Ende aber steht das wohl grösste Problem an: Wer zahlt wie viel? Bereits mehrfach wurden Listen von Firmen veröffentlicht, die von den Arisierungen profitiert hatten. 55 Jahre nach Kriegsende existieren die meisten davon aber nicht mehr, etliche gingen über Verkäufe und Fusionen in anderen Unternehmen auf. Dass die jetzt für die Verbrechen der Vergangenheit herangezogen werden sollen, kann es aber wohl nicht sein. Freilich ist das Argument "Wie kommen wir eigentlich dazu? heute schon für fast jeden gültig. Es wird daher die schwierige Aufgabe der Regierung sein, eine Gemeinschaftslösung zu finden - ohne dass dabei alte Feindbilder wiedererweckt werden. (Schluss) wu

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