"KURIER" Kommentar: Die geteilte Geschichte (von Christoph Kotanko)

Ausgabe vom 23. 05. 2000

Wien (OTS) - Werner Brandstetter, österreichischer Generalkonsul
in Los Angeles, veranstaltete unlängst mit befreundeten Diplomaten und Politikern ein eigenwilliges "Austria Quiz". Er schickte ihnen ein 22 Punkte umfassendes Formular mit diversen Fragen zur jüngeren Geschichte Österreichs und Deutschlands. Die Befragten hatten drei Möglichkeiten zur Antwort. Richtig lag, wer wusste, dass Adolf Hitler nicht in den Zwanziger- oder Dreißigerjahren nach Deutschland zog, sondern "schon vor dem 1. Weltkrieg". Was mussten Juden in Österreich nach dem "Anschluss" von den Straßen wischen? "Schmutz" war falsch, ebenso "anti-deutsche Parolen". Korrekt wäre "Pro-Österreich-Parolen". In welchem der beiden Länder wurden mehr Todesurteile gegen Nazi-Verbrecher verhängt? Richtig: In Österreich. "Auf Kosten der Deutschen strebt Österreich nach einem besseren Image", mokierte sich die Süddeutsche Zeitung über diese Privatinitiative, deren Inhalt und Tendenz tatsächlich ungewöhnlich ist. Doch die Fakten sind historisch korrekt. Eines sind sie freilich nicht: Die ganze Wahrheit. Richtig - und im heutigen Österreich weitgehend unbekannt - ist, dass unmittelbar nach Kriegsende so genannte Volksgerichte mit äußerster Strenge gegen ehemalige Nazis vorgingen. Zum Teil war es Rachejustiz gegen verhasste frühere "Parteigenossen". So sind auch die vielen Todesurteile zu erklären. Als der Kalte Krieg begann, erlosch das Interesse an weiterer Strafverfolgung - nicht nur im Inland, wo man für den "Wiederaufbau" auf Ex-Nazis nicht verzichten wollte. Für die USA war die Sowjetunion - mit der man zuvor gegen Hitler gekämpft hatte - der neue Hauptfeind. Das neutrale Österreich galt als Vorposten der freien Welt, und diese Allianz der Anti-Kommunisten sollte nicht durch ausufernde Beschäftigung mit der Vergangenheit geschwächt werden. So wurden die Nazi-Internierungslager aufgelassen, und viele Stützen des Hitler-Regimes stellten ihr Know- how in den Dienst der Amerikaner. Das Desinteresse der Österreicher und das Eigeninteresse der westlichen Alliierten führte zu jener Verdrängung der NS-Verstrickung, die das Land bis zum Ende der Achtzigerjahre prägte. Dass unter der SPÖ-Alleinregierung der Umgang mit der Nazi-Vergangenheit besonders unsensibel, ja bewusst nachlässig war, ist ein Aspekt der Zeitgeschichte, der noch der Aufarbeitung harrt. Franz Vranitzky war der erste Kanzler, der (1991) die Komplizenschaft von Österreichern bei Nazi-Verbrechen ansprach. Prompt wurde er damals vom ÖVP-Organ Volksblatt als "Tollpatsch" beschimpft. Inzwischen hat die VP-FP-Koalition die "Bewältigung" der NS-Zeit zu einem Kernthema gemacht. Das hat gewiss polit-strategische Gründe, zugleich scheint es Schüssel ein echtes Anliegen zu sein. Jedenfalls gibt es mit dieser Regierung mehr und bessere Ansätze zur "Wiedergutmachung" als bei allen Regierungen der letzten Jahrzehnte.

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