"KURIER" Kommentar: Notwendig: Der andere Schulterschluss (von Alfred Payrleitner)

Ausgabe vom 18.05.200

Wien (OTS) - Mit der Bezeichnung "historisch" sollte man
vorsichtig sein. Doch die Resultate der Wiener Versöhnungskonferenz verdienen dieses Attribut. Noch ist der ungemein schwierige Aspekt des legal closure, der Absicherung vor weiteren Klagen, offen. Doch die Hoffnung auf eine befriedigende Lösung ist begründet. Mit Partnern wie dem US-Vizefinanzminister kann man einen fairen deal, ein Abkommen zum Vorteil aller, eingehen. Eizenstat wirkt wie das Kontrastprogramm zu Ed Fagan. Beinhart im Vertreten der Interessen seiner Staatsbürger ist er gleichzeitig Politiker, Experte und Diplomat. Aus den Erfahrungen der Verhandlungen mit Deutschland stimmte er einer Trennung von Zwangsarbeiter- und Arisierungsentschädigungen zu. Polemische Querschüsse der Anwälte weist er kühl zurück. Seine Körpersprache gegenüber Österreichs famoser Maria Schaumayer ist demonstrativ freundlich. Billiger wird es deswegen für die heimische Wirtschaft und die Steuerzahler nicht. Doch gleichzeitig öffnet sich psychologisch eine Art Mondfenster:
Alle Leistungen erfolgen freiwillig, in Form seriöser Abkommen mit Regierungen und Opferverbänden - ein enormes Plus für die Imageverbesserung und für die weitere Zusammenarbeit mit den Osteuropäern. Womit Eizenstat - und mit ihm die ebenso engagierte wie sensible US-Botschafterin in Wien - mehr für Europa leisten als die so überaus besorgte Gemeinschaft der 14. Mehr noch: Von Eizenstat kam auch die erfrischend ehrliche Erklärung, warum es so lange gedauert hat, bis die Entschädigungsfragen endlich angepackt wurden. Auch in den USA hätte man früher anderes zu tun gehabt , nämlich den Kampf gegen die feindliche sowjetische Weltmacht zu führen. Ins Österreichische übersetzt hieß das Wiederaufbau, Kampf um die zweite Befreiung, Bewältigung des inneren Ausgleichs. Später dann wurde freilich viel zu leichtfertig vergessen. Die Opfer- Bescheinigung durch die Alliierten geriet zum willkommenen Alibi, die notwendige Trennung zwischen juristischen, politisch- historischen und moralischen Verpflichtungen überforderte die meisten. So kam es zur absurden Rollenumkehr, zum Zerrbild - als wären die Österreicher aus Neigung und Schlamperei immer nur Täter gewesen. Deshalb wäre so wichtig, dass hierzulande nun wirklich alle zusammenstehen: Ein Schulterschluss, um gemeinsam die Lasten zu tragen. Ein Taktieren, welche Berufsgruppe unter welcher Führung was zu zahlen hat, wäre mehr als blamabel - es wäre katastrophal dumm. Das gilt auch für die zu schließenden Lücken bei den noch offenen jüdischen Ansprüchen. Soviel wie Fagan möchte, wird es weitem nicht werden. Dafür könnte es gezahlt werden. Womit auch der Unterschied zwischen guten und schlechten Anwälten klar ist.

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