"KURIER" Kommentar: Die Gunst der Stunde und die Mühen der Ebene (von Norbert Stanzel)

Ausgabe vom 6.05.2000

Wien (OTS) - Die Grünen waren bisher die großen Profiteure des Koalitionswechsels. Wurden die 7,4 Prozent bei der Nationalratswahl bereits als großartiger Erfolg gefeiert, so lagen sie seither in Umfragen oft bereits bei einem mehr als doppelt so großen Wähleranteil. Erst in den letzten Wochen war ein leichter Rückgang in den Meinungsumfragen festzustellen - aber noch immer auf einem Niveau jenseits der Zehn-Prozent-Marke. Der Erfolg der Grünen hat zwei Ursachen: Alexander Van der Bellen - und die politische Konstellation, bzw. wie er auf diese reagiert hat. Der honorige Professor mit der für einen Politiker des Medienzeitalters untypischen sedativen Ausstrahlung ist der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Das einstige Image der Grünen als nur halbwegs auf zivilisiert getrimmte Chaotentruppe ist durch ihn nachhaltig korrigiert. Der unaufgeregte Plauderton, in dem Van der Bellen auch die heißesten Themen ebenso klug wie kühl analysiert, vermittelt auch in hektischen Zeiten Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit. Die Grünen wurden so zur Zufluchtsstätte - für enttäuschte Bürgerliche, die weder an FPÖ noch an SPÖ anstreifen wollen, sowie für Rot-Wähler, die von der "Ausländerpolitik" (die ja im "roten Wien" fortgesetzt wird) oder vom Sanktions-Zick-Zack-Kurs der Sozialdemokratie abgestoßen sind. Den Grünen wurden also von Rot und Schwarz massenhaft Sympathisanten zugetrieben, ohne dass die kleinere Oppositionspartei selbst dazu allzu viel beitragen hätte müssen. Jetzt besteht die Gefahr, dass Teile dieser neuen Anhängerschaft zu ihren "alten" Parteien zurückkehren. Die SPÖ erscheint unter ihrem neuen Vorsitzenden Alfred Gusenbauer zumindest nach außen hin halbwegs konsolidiert, ist jedenfalls ein Kontrast zur oberflächlich gestylten Spin-Doktoren-Partei des Viktor Klima. Auch frühere VP-Wähler, die aus Zorn über den Pakt mit der Haider- FPÖ entfleucht sind, müssen mittlerweile die strategische Meisterleistung von Wolfgang Schüssel anerkennen: Durch Einbindung der FPÖ in die Regierung scheint ausgeschlossen, was bei Fortsetzung der alten Koalition wahrscheinlich schien - der Aufstieg der FPÖ zur Nummer 1. Die Grünen haben diese Problematik erkannt, daher auch ihr Versuch einer taktischen Umgewichtung, um den Neuzugang bei der Stange zu halten: Gesucht wird die Auseinandersetzung um Sachthemen - also darum, die Unterschiede zur SPÖ etwa in der Frauen- und Ausländerpolitik darzustellen. Oder sich mit all jenen Teilen der "Zivil-" und "Sozialgesellschaft" zu solidarisieren, die von Schwarzblau vergrämt werden - Stichworte Zivildiener, Post-Zeitungsversand. Ob diese Taktik aufgeht, wird sich weisen. Das strategische Ziel steht fest: Bei der nächsten Wahl so stark zu werden, um zumindest rechnerisch im Spiel um die Regierungsbildung beteiligt zu sein.

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