"KURIER" Kommentar: Gefangen im Phrasendschungel (von Alfred Payrleitner)

Ausgabe vom 4.05.2000

Wien (OTS) - Auf halbem Weg zwischen den SPÖ/FPÖ-Events und dem Gedenken in Mauthausen scheint es an der Zeit, den allgegenwärtigen Phrasendschungel zu durchforsten. Bevor die Selbstinfektion mit den eigenen Klischees völlig die weitere Sicht verstellt. Es war zwar taktisch verständlich, wenn Alfred Gusenbauer zunächst einmal den Schulterschluss zu seinen Stammwählern vollzog und einen Parteitag im Retro-Look organisierte. Von aufgepappter falscher Modernität haben die Genossen wahrlich die Nase voll. Aber haben die Ausbrüche gegen die Sozialdemontierer und Rentenklaus irgendeinen Zukunftsaspekt eröffnet? Konnte er etwa beim - missglückten - Zusatzantrag der SP-Jugend liegen, die von Rudolf Edlinger eingeführten Steuererleichterungen für das Ansparen von Privatpensionen wieder abzuschaffen? Nirgendwo auch nur ein Ansatz, abseits allgemeiner Leerformeln eigene, realistische Lösungsvorschläge für die würgenden Budgetprobleme zu entwickeln. Wolfgang Schüssel hätte ein Glückwunschtelegramm senden können - sind doch nun die verschmierten Konturen von schwarz und rot wieder kräftig eingefärbt worden. Wie es überhaupt seltsam erscheint, wenn jetzt landauf, landab die Angstparole vom "Aufreißen der Gräben" umgeht. Ist denn schon wieder vergessen, dass der Hauptgrund des fatalen Aufstiegs Jörg Haiders die bis zur Unkenntlichkeit verwaschene Alltagspraxis der alten Koalition gewesen ist? Kaum erlebt der Österreicher ein Überholmanöver, hält er es schon für eine Geisterfahrt. Beim Parteitag des Felskletterers, Bungee-Jumpers und Eisgehers verblüffte hingegen die Leichtigkeit, mit der sich äußerst verschiedene Delegierte den Schachzügen eines überlegenen Rhetorikers fügten: Während die da unten insgeheim stöhnen, weil ihnen der neue Sparkurs so gar nicht schmeckt ("Wie sollen wir denn unsere Postwürfe bezahlen, wenn die Subventionstarife fallen?") lässt der oberste Bergführer elegant einer Dame den Vortritt. Nicht zuletzt deswegen, weil sie dann auch die Last des erwarteten Rücksturzes auf eine l6- oder 15-Prozentpartei zu tragen hat . . . Farce überall. Doch gleichzeitig liefert Europa begierig die Schubkraft, um das Wir-Gefühl von Schwarzblau kräftigst zu fördern. Wer derart gemaßregelt wird, hält zusammen, auch wenn es in den Fugen kracht. So entsteht ein "Österreich"- und "Reformer"-Image, wo ursprünglich gar keine so großen Gemeinsamkeiten vorhanden waren. Hingegen dürfte der Versuch, "Antifaschismus" ohne reale Gefahr von Faschismus als große Klammer einer Fundamentalopposition aufzubauen, vergleichsweise geringe Chancen haben. In einem brillanten Essay im "Merkur" schrieb dazu der Philosoph Rudolf Burger : "Die Moralisten sind die wahren Zyniker. Denn sie leben politisch von der ideologischen Sekundärausbeutung der einstigen Opfer". Ein Satz, über den man am Wochenende auch nachdenken sollte.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649

Kurier

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU/OTS