WirtschaftsBlatt über das Ende der Barockzeit von Engelbert Washietl

Wien (OTS) - Wenn eine österreichische Institution über Geldmangel, Zahlungsunwilligkeit der Mitglieder oder Mitgliederschwund klagt: Handelt es sich dann um a) die Wirtschaftskammer, b) die SPÖ, c) die Arbeiterkammer, d) die katholische bzw. lutheranische Kirche, e) den Gewerkschaftsbund, f) die Post oder g) die Israelitische Kultusgemeinde? Antwort: um alle und etliche mehr. Die neueste Hiobs- und somit biblische Botschaft kommt aus der katholischen Kirche: 44.359 Kirchenaustritte im Jahr 1999. Da sich in den fünf Jahren seit der Affäre um Kardinal Hans Hermann Groer fast 200.000 potenzielle Kirchenbeitragszahler verabschiedet haben, wird daraus allmählich eine kirchliche Wirtschaftskrise. Kardinal Schönborn sollte ähnlich wie die ÖIAG nachdenken, was sich von seinem öffentlichen Vermögen privatisieren lässt. Betroffene empfinden derartige Ereignisse als besondere und zumeist auch besonders ungerechte Krise. Sucht man aber einen gemeinsamen Nenner, so erleben die Österreicher bloss das verspätete Ende der Barockzeit. Deren Kennzeichen war, dass begnadete Künstler wie Fischer von Erlach, Paul Troger oder Jakob Prandtauer eine göttliche Weltordnung ankündigten, die sich erst viel später im Schaffen von Bruno Kreisky, Rudolf Sallinger, Anton Benya, Eduard Wallnöfer und anderer barocker Gestalten in einer nicht mehr weiter hinterfragbaren Vollkommenheit verwirklichte. Die Kunst der Hofmalerei verbiss sich in jeden neuen Brückenpfeiler und jede Seilbahn-Talstation, weil sich auf ihnen Minister bis hinunter zu tüchtigen Bürgermeistern einen ewigen Namen eintragen konnten. Irgendwie ist dann der Wurm ins System gekommen. Gläubige wurden ungläubig und fragten, wieviele Pensionen ein Kammerboss gleichzeitig bezieht, ob eine politische Partei ihre Grundwerte verrät oder ob ein Erzbischof vielleicht einmal Internatsbuben verknuspert hat. Dieser Überblick soll weder in Spott noch Schadenfreude ausarten, sondern lediglich die Ankunft einer neuen Zeit sichtbar machen. Was auf ehrwürdige Institutionen erschütternd wirkt, das haben die Wirtschaftsbetriebe ausserhalb der geschützen Bereiche entweder schon längst bewältigt, oder es gibt sie nicht mehr. Sie versuchten nämlic= h, ihre Kunden von sich und ihren Produkten zu überzeugen. Das ist in der nachbarocken Ära riskant und anstrengend. (Schluss) was.-

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