"Die Presse" Kommentar: "Privatiers statt Schurkenstaaten" von Christian Ultsch

Ausgabe vom 3.5.2000

Wien (OTS) Mehr privat, weniger Staat - diesem Motto scheint zu Zeiten der Globalisierung auch der internationale Terrorismus zu folgen. Das US-Außenministerium hat in seinem alljährlichen Terror-Bericht eine klare Trendumkehr konstatiert: Die von staatlicher Seite unterstützten, streng hierarchisch organisierten Terrorgruppen verlieren an Boden; sie werden von privaten Netzwerken überflügelt, die ihr weltumspannendes Geschäft aus Drogendollars und anderen kriminellen Quellen speisen. Der politisch motivierte Terror ist mehr oder minder passé. Zugleich tritt eine neue Fratze anarchischen Eiferertums immer aufdringlicher ins Rampenlicht. Für diese Entwicklung haben die USA seit dem Sommer 1998 ein Feindbild parat: Osama bin Laden; beim saudiarabischen Milliardärssohn laufen angeblich die Fäden eines internationalen Terrornetzes zusammen. Wie dem auch sei: Durch Personalisierung kann der Kampf gegen den Terrorismus auf eine öffentlichkeitswirksame Ebene gehoben werden, was die Finanzierung vermutlich um einiges erleichtert. Durch diesen Paradigmenwechsel gerät aber ein anderes Konzept ins Hintertreffen, das Washington lange Zeit forciert hat: das der "Schurkenstaaten". Haben Iran, Irak, Syrien, Libyen, Nordkorea, Kuba und Sudan nun an Gefährlichkeit verloren? Der Verbleib auf der schwarzen Liste scheint jedenfalls bis zu einem gewissen Grad verhandelbar zu sein. So könnten sich Syrien und Nordkorea freikaufen, falls sie mit Israel respektive Südkorea Frieden schließen. Die Schurkenstaaten sind nicht mehr das, was sie einmal waren - man denke nur an das freundliche Antlitz, das Khatami dem iranischen Mullah-Regime verpaßt. Einzig auf Iraks Saddam Hussein scheint noch Verlaß. Doch auch er ist inzwischen von den Titelseiten der Magazine verschwunden. Nicht allen kommt es jedoch gelegen, wenn die "Schurkenstaaten" ihren Schrecken verlieren. Ist nicht eines der Hauptargumente für das Raketenabwehrsystem, das Washington derzeit plant, der Schutz vor Raketen aus solchen Ländern? Wetten, daß einige böse Pappkameraden bald schon einen frischen Anstrich bekommen werden . . .

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