Das Elend der Tempojagd

Wettbewerb auf der Straße als Spiegel der Gesellschaft
(Von Meinhard Buzas)

D as Elend der österreichischen Autofahrer lässt sich nur bedingt an Unfallstatistiken ablesen. Es ist ein Elend in den Köpfen. Autofahren bedeutet für eine Vielzahl von Menschen nämlich nicht Fortbewegung, sondern Konfrontation. Nicht möglichst friedliches Neben- oder Hintereinander, sondern Wettbewerb. Es gilt, so rasch wie nur irgendwie möglich nach vorn zu kommen, um jeden Preis, auch den fremder und eigener Gesundheit. Ein Verhalten, das natürlich auch gesellschaftliche Tendenzen widerspiegelt.
Beim Autofahren hört sich für den Österreicher, dessen Punze ãgemütlichÒ schon längst als glatte Fälschung entzaubert wurde, der Rest von Gemütlichkeit schlagartig auf. Und er vererbt diese Grundeinstellung immer weiter, von Generation zu Generation. Durch vorbildhaftes Fäuste schütteln und Vogel zeigen, durch sprachliche Höchstleistungen im Erfinden von Schimpftiraden, durch Renommieren damit, wie er es wem auf der Straße gezeigt hat. Daran vorbeischauen oder vorbeihören kann das friedlichste Kind auf dem Rücksitz nicht.

Halt. Natürlich sind keineswegs alle Österreicher so, weil es den Autofahrer schlechthin ja auch nicht gibt. Aber wer sich an den vergangenen Wochenenden auf Autobahnen oder auch bloß Nebenstraßen wagte, konnte durchaus geneigt sein, zu Verallgemeinerungen Zuflucht zu nehmen. Die Statistik der Unfälle, Getöteten und Verletzten spricht eine klare Sprache: Es wird gebraust und ausgebremst, blockiert und um jeden Preis überholt, es wird um Parklücken gerauft und um Minuten gekämpft.
Warum diese Eigenschaften bei vielen in unserem Lande so ausgeprägt sind, sobald sie sich auf vier Rädern fortbewegen, hat uns noch kein Experte wirklich schlüssig analysieren können. Warum erklärt der typisch schlechte Fahrer heimischer Prägung die Überholspur zu seinem Alleineigentum, während der vielgeschmähte deutsche Autofahrer-Nachbar in 90 Prozent der Fälle auf die rechte Spur einlenkt, wenn ihm der Nachkommende durch Betätigen des Blinkers signalisiert, dass er vorbei möchte?
Wie erklärt es sich, dass kaum wo in Mitteleuropa (Italien vielleicht ausgenommen) so dicht auf den Vordermann aufgefahren wird wie zwischen Bregenz und dem Burgenland? Woran liegt es, dass sich in Warteschlangen vor Mautstellen viele um jeden Preis hineindrängen müssen, nur um geschätze 30 Sekunden früher abgefertigt zu werden? Wie ist es möglich, dass das Reißverschluss-System, also das abwechselnde Einordnen bei Verengung mehrerer Fahrbahnen auf eine Spur, immer noch so wenig verstanden wird wie die Relativitätstheorie?

Vor zwei Jahren durfte man vorübergehend auf das Bessere im Autofahrer hoffen. Unfallstatistik und Todeszahlen sanken auf einen für Österreich erstaunlichen, für den Rest Europas durchschnittlichen Wert, und die Senkung der Promillegrenze schien heilsame Wirkung auf Vernunft und Vorsicht zu haben. Leider, so hat sich erwiesen, war das nur ein Strohfeuer. Längst herrscht auf den Straßen wieder business as usual, und das ist ein Unfallgeschäft.

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