Presse-Kommentar: Räuber und Gendarm (von Karl-Peter Schwarz) Ausgabe vom 21. April 2000

Wien (OTS) - Ganz im Banne eigener kleinstaatlicher Grotesken
hatte man in Österreich beinahe vergessen, wie hoch der Unterhaltungswert ist, mit der die Politik in der Slowakei aufwarten kann. Bis gestern: Da ließ der Innenminister ein Kommando schwer bewaffneter und vermummter Polizisten die Villa des ehemaligen Ministerpräsidenten aufsprengen, um diesen zur Aussage vor einem Untersuchungsrichter zu zwingen. Einen größeren Gefallen als diesen hätte die slowakische Regierung Vladimir Meciar vermutlich nicht erweisen können. Schließlich hat Meciar seine gesamte politische Karriere auf dem Mythos eines Volksrebellen aufgebaut, er galt seinen sehr romantisch veranlagten Landsleuten geradezu als Reinkarnation des Räuberhauptmanns Janocik, jenes urslowakischen Robin Hood, der -so erzählt es wenigstens die Legende - die Reichen beraubte, um die Armen zu beschenken. Umverteilt, und zwar gewaltig, wurde zweifellos auch bei den slowakischen Privatisierungen, in deren Verlauf so mancher arme, aber Vladimir Meciar treu ergebene Parteifreund über Nacht zu märchenhaftem Reichtum gelangte. Wie genau das vor sich ging, dieses Geheimnis wird wohl für immer in dichten Nebel gehüllt bleiben. Und so ist es bei vielen erstaunlichen Begebenheiten in der slowakischen Republik; man denke zum Beispiel an die eigenartigen Geschäfte des Präsidentensohns Kovac jr., an dessen anschließende Verprügelung und Entführung durch Geheimagenten sowie an die merkwürdigen Geschehnisse, die eine lückenlose Aufklärung dieses deftigen Politthrillers bis heute verhindern konnten. Im slowakischen Spiel wechseln die Rollen. Wer gestern noch Gendarm war, findet sich heute als Räuber wieder. Dabei ist es - angesichts der schauerlichen Moritaten, die man in diesen Jahren aus den Karpaten vernehmen konnte - fast rührend, wenn man hört, von welcher Art der Amtsmißbrauch ist, der Meciar jetzt vorgeworfen wird: Er soll seinen Mitarbeitern in der Regierung Sonderzahlungen gewährt haben. Vladimir Me?iar alias Räuberhauptmann Janocík lacht verschmitzt. Und er schweigt weiter. Eisern, als sei sein Name Helmut Kohl.

Rückfraghinweis: Die Presse
Chef vom Dienst
Tel. Nr.: (01) 514 14/445

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR/OTS