WirtschaftsBlatt über die Zivildiener. Endmoränen des Wohlstandsgletschers (von Engelbert Washietl)

ausgabe vom 19.4.2000

Wien (OTS) - Jetzt, da Innenminister Ernst Strasser den Ländern
die aus seinem Budget bezahlten Zivildiener kürzt, kommt man erst darauf, wer solche bisher kostensparend einsetzen durfte. Karitative Organisationen, die Rettung, Drogenberater - rundum löblich. Zivildiener stehen aber erst seit wenigen Jahren in grosser Zahl zur Verfügung - und schon haben sich alle an ihre Leistungen gewöhnt wie an ein Recht. Die zweite Überraschung: So schnell, wie die Gewissensgeplagten für sozial wichtige Aufgaben eingesetzt wurden, so rasch drohen die Marktkräfte das System zu vernichten. Dem Staat fehlt einfach das Geld. Und das ist kurios, denn beim seinerzeitigen Streit um die Aufhebung der "Gewissensprüfung" ging es um Moral und -anders kann das Ausmass von zwölf Zivildienstmonaten nicht verstanden werden - eine Disziplinierung derer, die den Dienst mit der Waffe ablehnen. Sie müssen länger dienen und zeigen, dass ihnen ihre Gewissensnot etwas Wert ist. Der selbe Staat, der sich mit der Zwölfmonate-Regelung unpopulär machte, schraubt jetzt die Ansprüche herunter, ohne populärer zu werden. Von Jahr zu Jahr melden sich mehr Wehrpflichtige zum Zivildienst. Daraus ergibt sich ein Überhang -17.000 Männer warten derzeit auf den Einsatz. Strassers Einsparungsmassnahmen sind weder eine Einsparung noch eine Lösung. Mit den Kürzungen der Zuweisungszahl wächst die Warteliste; die Wartenden werden mittlerweile älter - und teurer, falls sie jemals eingesetzt werden. Ausserdem wird vertuscht, dass der Staat zahlreiche Sozialaufgaben ausgelagert hat (beispielsweise an die Rettungsunternehmen), solche Dienste aber bisher auf dem Umweg über das Budget des Innenministeriums teilweise abgelten liess. Was die Betroffenen empörend finden, ist lediglich die Endmoräne eines mächtigen, seit Jahrzehnten aufgebauten Gletschers der politischen Lüge: Das Bundesheer wurde der Öffentlichkeit wie ein Sozialverein präsentiert. Ein österreichischer Soldat ist Hochwasserbekämpfer, Grubenunglückswächter, Lawinenstocherer, Grenzstreifenwärter und Schneeschaufler in Tourismusorten. In Wahrheit aber lässt sich die Landesverteidigung ebenso wenig nach sozialpolitischen Gesichtspunkten bewerten, wie Bundsheer und Zivildiener etwas daran zu ändern vermöchten, dass es im sozialpolitischen Gebälk der Nation knirscht und kracht. (Schluss) was.-

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt
Tel.: (01) 91919-316

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB/OTS