"Presse"-Kommentar: Protest am falschen Ort (von Michael Prüller) Ausgabe vom 17. April 2000

Wien (OTS) - Jemandem, der sich notorisch als unfähig erweist, seine Finanzen in Ordnung zu halten, bestellt das Gericht einen Vormund. Ein Unternehmen, das sich in ein wirtschaftliches Fiasko steuert, erhält einen Zwangsverwalter. Eine Regierung, aber, die ihr Land ins Chaos führt, bekommt Kredite von Weltbank und Währungsfonds. Darin liegt ein Dilemma dieser Finanzinstitutionen: Sie vergeben Gelder an genau jene Regierungen, die sich in der Vergangenheit als besonders inkompetent erwiesen haben - und hoffen darauf, daß sich die Delinquenten bessern. Natürlich tun diese das oft nicht, brechen ihre volkswirtschaftlichen Entziehungskuren ab, bevor sie einen halbwegs stabilen Gesundheitszustand erreicht haben, wenden sich mit ihrem vertieften Elend erneut an die Weltöffentlichkeit - und kommen bei Weltbank und Währungsfonds um die nächste Tranche ein. Die Demonstranten, die im Namen der globalen Gerechtigkeit von Finanzgipfel zu Finanzgipfel ziehen, haben schon recht, wenn sie gegen "das System" protestieren. Das ist in der Tat reformbedürftig. Weltbank und Währungsfonds müssen sich fragen - und tun dies auch zunehmend - warum ihre Form der Entwicklungshilfe so oft danebengeht. Warum man ohne viel Übertreibung sagen kann, daß die Dritte Welt in zwei Klassen geteilt werden kann: In jene Länder, die geradezu süchtig auf Kredite der genannten Institute geworden sind - und doch nicht vom Fleck kommen. Und jene Länder, die der Hilfe von Weltbank & Co. weitgehend entsagen (1999 kamen von rund 2000 Milliarden Schilling, die in die Entwicklungsländer flossen, nur 45 Milliarden von ihr und ähnlichen Organisationen) - und dabei immer näher an den Standard des Nordens heranrücken. Leider aber geht es den meisten Protest-Fundis nicht darum, das "System", unter dem sie die -zugegebenermaßen oft ungeschickte - Anwendung von marktwirtschaftlichen Prinzipien verstehen, zu verbessern. Sie wollen es vielmehr durch Luftschlösser zu ersetzen. Was verheerend wäre, gerade für die Armutsbekämpfung. Denn überall in der Welt kann man ein relativ simples Muster erkennen: Je ernster eine Regierung Stabilität, Rechtssicherheit, Unantastbarkeit von Menschenwürde und Eigentum nimmt, desto besser entwickelt sich die Wirtschaft. Mit der Öffnung der Märkte wachsen die Einkommen - und zwar, wie eine Reihe von Untersuchungen eindeutig belegt, auch jene der ärmsten Schichten. Das ganz unromantische Fazit: Langfristig führt nur Wirtschaftswachstum zu allgemeinem Wohlstand. Was nebenbei eine ziemlich banale Erkenntnis ist: Denn auch wir im Norden sind nur deswegen reich geworden. Das Dilemma, das sich für die Entwicklungskredit-Organisationen ergibt, ist, daß Voraussetzungen für anhaltendes Wirtschaftswachstum durch Geldzuwendungen allein nicht zu schaffen sind. Daß der Erfolg im Kampf gegen die Armut trotz all der Milliarden des Nordens nicht wie eine militärische Operation geplant und über dirigistische Maßnahmen durchgezogen werden kann. Daß der Erfolg von Entwicklungskrediten letztlich auf Grundlagen beruht, die die Finanzorganisationen selbst weder schaffen noch erzwingen können. (Und an deren Fehlen sie daher auch nicht schuld sind, liebe Demonstranten in Washington!) Der große Kreuzzug gegen die Armut greift nicht, weil es auch nicht den einen großen Verursacher gibt. Auf keiner Seite: Auch Pappmaché-Puppen verbrennen, Delegierte anpöbeln und auf Weltbank und Währungsfonds spucken, ist kein Weg der Hoffnung, wenn die entscheidenden Hindernisse einer menschenwürdigen Entwicklung ganz woanders, nämlich in jedem der betroffenen Ländern selbst zu finden sind.

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