Pressestimmen/Vorausmeldung/Politik "Neue Kärntner Tageszeitung" Kommentar: Der Zorn der alten Genossen

Ausgabe vom 11.4.2000

Als "unnötig" bezeichnet ein Teil des roten Parteivolkes die Gusenbauer-Erklärung über die "braunen Flecken" in der SPÖ. Unnötig, weil Bruno Kreisky und Christian Broda in einem Atemzug mit Heinrich Gross genannt wurden. Unnötig, weil es derzeit sinnvoller wäre, der schwarz-blauen Belastungsorgie den Kampf anzusagen, als sich mit Fragen der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Unnötig, weil das Ausland verwirrt ist und "braune Flecken" eigentlich wo anders vermutet hätte.

Der Zorn vieler älterer Genossen geht bis zur Drohung, aus der Partei auszutreten. Vor allem die Wiesenthal-Passage, die an der Legende und am Denkmal Kreisky kratzt, wird Gusenbauer übel genommen. "Es würde mich nicht wundern, wenn jetzt der Haider hergeht und sich als Verteidiger Kreiskys aufspielt", meinte gestern ein prominenter Kärntner Sozialdemokrat. Im südlichsten Bundesland reagierte man übrigens sauer auf Wiener Wortspenden eines Vranitzky oder Einem, den Fall Arbeiter via Bundesschiedsgericht neu aufzurollen. "Die sollen vor der eigenen Tür kehren", heißt es emotionsgeladen.

Gusenbauer ist 40. Die Generation, die er wegen der "braunen Flecken" anspricht, ist älter als 75 Jahre. Das Durchschnittsalter des Herrn Österreicher beträgt knapp 74 Jahre. Man kann sich also vorstellen, wie begrenzt die Zahl der Betroffenen ist. Freilich, die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte kann sich keine Partei ersparen. Der neue SPÖ-Chef hat es gut gemeint und Mut bewiesen. Das Fatale ist, dass zwischen der Realität vor 55 Jahren und heute Welten liegen.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Chefredaktion
Tel.: 0463/5866-502
E-Mail: ktzredaktion@apanet.at

Kärntner Tageszeitung

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | KTI/KTI