"KURIER" Kommentar: Er gehörte zum Besten seiner vergangenen Zeit (von Peter Rabl)

Ausgabe vom 11.04.2000

Wien (OTS) - In großer Würde, aber mit wenig Pomp, mit viel Menschlichkeit, doch minimaler staatlicher Repräsentation: Rudolf Kirchschläger selbst hatte sich diesen Abschied gewünscht. Er ist damit seinen letzten Weg so gegangen, wie er sein Leben und sein Amt geführt hat. Mit dem großen alten Mann aus kleinsten Verhältnissen ist mehr zu Grabe getragen worden als eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Mit ihm ist einer der letzten wesentlichen Repräsentanten der Zweiten Republik alter Prägung gegangen. Es war gewiss ein historischer Zufall, aber mit dem Ende von Rudolf Kirchschlägers zwölfjähriger Präsidentschaft geriet dieses Land in heftige Erschütterungen, begannen bleibende Veränderungen der politischen Verhältnisse. Der umstrittene Kirchschläger-Nachfolger Kurt Waldheim löste - ungewollt und im Ausmaß der persönlichen Schuldzuweisungen an ihn wohl auch unverschuldet - die erste tiefgreifende Vergangenheits-Diskussion aus. Wer Österreich heute vorwirft, es habe sich um seine düstere Geschichte herumgedrückt, unterschlägt die schmerzhafte wie wertvolle Auseinandersetzung nach Waldheims Wahl und während der Jahre seiner isolierten Präsidentschaft. Und eben im Jahr des Abschieds Kirchschlägers aus der Hofburg startete Jörg Haider seinen Erfolgsmarsch mit vielfach hässlichen Tönen. Was nach Rudolf Kirchschläger politisch kam, war nicht mehr seine Welt. Er hat sich als Alt-Präsident in tagespolitischen Fragen selten gemeldet, seine innere Distanz aber war unübersehbar. Rudolf Kirchschläger war ein Mensch mit unverrückbarer Haltung. Alles Taktische war ihm fremd. Seine natürliche menschliche Autorität brauchte kein inszeniertes Brimborium des Protokolls. Für seine politische Wirkung als Gewissen der Politik bedurfte es keines Aktionismus. Rudolf Kirchschläger war als Spitzenpolitiker für heutige Begriffe auf eine beeindruckende Art altmodisch: 60 Jahre offenbar glückliche Ehe mit der Jugendliebe; offen gelebter, nicht demonstrativ hergezeigter Glaube; ein pflichtbewusster erster Diener der Republik, kein Selbstdarsteller nach den Regeln des politischen Managements. In den letzten Jahren war ihm nicht nur der zunehmende körperliche Verfall eine Last. Dem bis zuletzt brillanten politischen Verstand des Rudolf Kirchschläger war zunehmend mehr fremd. Noch in den letzten Lebenswochen hat er sich bitter darüber gewundert, dass und wie die aktuelle Politik die Geschichte und die Bedeutung von Staatsvertrag und Neutralität uminterpretierte. Wirklich getroffen hat ihn die frustrierende Erkenntnis angesichts des europäischen Boykotts, wie wenige wirkliche Freunde Österreich hat. Nicht alles war gut an der Epoche, die mit Kirchschläger dahinging. Er gehörte zum Besten.

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