"Die Presse" Kommentar: "Urteil mit Verzögerung" (Von Peter Martos)

Ausgabe vom 5.4.2000

WIEN (OTS). Thomas Penfield Jackson ist ein penibler Mann: Er hat den Spruch gegen Microsoft lange erwogen, auch wenn ihm unterstellt worden war, schon im November sein emotionales Urteil gesprochen zu haben. Und der Richter hat _ in den USA nicht unüblich _ die Verkündung des Strafmaßes verschoben, um in Anhörungen und Konferenzen möglichst viele Meinungen zu erfahren. Möglicherweise wartet er auch zu, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, er stelle die minimalen Aussichten auf einen außergerichtlichen Vergleich in Frage.

In Wirklichkeit wissen alle Beteiligten, einschließlich des Richters, daß es keinen Vergleich geben kann. Microsoft will seine Geschäfte betreiben wie bisher, und dabei sind irgendwelche Gesetze nur hinderlich. Das Washingtoner Justizministerium will den Monopolisten bestraft sehen, um ein Exempel zu statuieren _ wer zu groß wird, ist suspekt. Von Microsofts Kontrahenten gar nicht zu reden: Wer schon einmal Marktanteile verloren hat, neidet sie dem Gewinner. Daß die Wahrheit irgendwo zwischen diesen unversöhnlichen Positionen liegt, ändert nichts an den Fakten: Jetzt stehen Monate der Verhandlungen, Gespräche, Finten und Druckversuche bevor. In dieser Zeit wird offensichtlich nur ein Beteiligter nicht zaudern:
Bill Gates, seit einigen Monaten nicht mehr mit dem operativen Geschäft belastet, möchte ("zum Wohl der Konsumenten" natürlich) genau dort weitertun, wo ihn der Richterspruch stoppen will: Bei der Verknüpfung des monopolistischen Computer-Betriebssystems Windows mit Software fürs Internet. Das heißt: Microsoft richtet sich auf den Konflikt ein. An diesem Punkt teilt sich die Fachwelt. Der Software-Riese habe in Wirklichkeit die Entwicklungen verschlafen und verwende die Verurteilung als Rechtfertigung für das bevorstehende Scheitern, sagen die einen. Ganz und gar nicht: Der Konzern sei längst unterwegs zum Multimedia-Player, der - nach Kampf und Jahren mit hervorragenden Einnahmen - auf die Windows-Welt pfeifen werde, behaupten die anderen. Beide Versionen sind Schwarzweißmalerei. Die Realität ist wesentlich vielschichtiger. Fragt sich nur, wer ihr am nächsten kommt.

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