SP-Chef Gusenbauer: "Entschuldigung bei Wiesenthal ist möglich"

Seniorenbund-Vorsitzender Blecha: "Es gibt einen Aufstand, wenn man jetzt behauptet, daß es braune Flecken bei uns gibt."

Wien (OTS) - Gegenüber dem am Montag erscheinenden Nachrichtenmagazin FORMAT übt der designierte SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer Kritik an der Politik von Bruno Kreisky im Umgang mit ehemaligen Nationalsozialisten und seiner Auseinandersetzung mit Simon Wiesenthal: "Daß Kreisky in dieser Auseinandersetzung nicht nur überzogen hat, sondern falsch gelegen ist, ist ja unter anderem dadurch erwiesen, daß er zweimal presserechtlich in dieser Frage verurteilt worden ist.- Gusenbauer auf die Frage, ob er sich im Namen der SPÖ bei Wiesenthal entschuldigen wird: "Da halte ich für durchaus möglich." Kritik übt Gusenbauer auch am ehemaligen Justizminister Christian Broda: "Was die Frage der Durchführung der Kriegsverbrecherverfahren betrifft, habe ich aufgrund der Belege, die mir vorliegen, den Eindruck, daß hier nicht mit der notwendigen Konsequenz vorgegangen wurde." Auf die Frage, ob er als Politiker auf den Kärntner Ulrichsberg gehen würde, sagt Gusenbauer: "Ich wüßte nicht, was ich dort zu suchen hätte". Kritik an Gusenbauer kommt indes aus den eigenen Reihen. Der ehemalige SPÖ-Bautenminister unter Bruno Kreisky und Kärntner Landeshauptmann-Stellvertreter Erwin Frühbauer (NSDAP-Mitglied 10045 793) kritisiert gegenüber FORMAT die Gusenbauer-Initiative zur Aufarbeitung: "Als scheinbar persönlich Betroffener finde ich das nicht zeitgemäß. Über unsere Vergangenheit war die Öffentlichkeit immer informiert. Es ist nicht nachvollziehbar, was an braunen Flecken da sein soll.- Der ehemalige Außenminister Leopold Gratz sagt: "Fast niemand redet über die Husch-Pfusch-Gesetze, die die schwarz-blaue Regierung vorbereitet. Dafür beginnt die SPÖ jetzt plötzlich die Betrachtung ihrer politischen Großväter.- Und der Vorsitzende des SP-Seniorenbundes Karl Blecha droht: "Es gibt einen Aufstand, wenn man jetzt behauptet, daß es braune Flecken bei uns gibt." Simon Wiesenthal reagiert verhalten auf den Vorstoß Gusenbauers, die Vergangenheit der SPÖ zu durchleuchten: "Ich bin neugierig, wie die Partei das machen will. Es ist ja schon eine große Belastung der Geschichte der Sozialdemokratie. Ich glaube, daß es für eine sinnvolle Aufarbeitung inzwischen zu spät ist." Das eigentlich trauriger an der Debatte sei der "Umstand, daß - nachdem die Verbrechen der Nazis schon ein, zwei Jahre nach dem Krieg bekannt wurden - überhaupt ein ehemaliger Nationalsozialist Mitglied irgendeiner österreichischen Partei werden konnte", so Wiesenthal.

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