Lebensmittelindustrie sieht neue Chancen durch EU-Erweiterung

Agrarexporte in sieben Jahren fast verdoppelt - fast 1,7 Mrd Schilling Außenhandelsüberschuss mit den zehn Reformstaaten

Wien (PWK) - Die heimische Lebensmittelindustrie hat ihre Chancen nach der Ostöffnung voll genützt. Innerhalb von nur sieben Jahren konnten die Agrarexporte in die zehn Reformstaaten von 2,8 Mrd Schilling im Jahr 1991 auf 5,3 Mrd Schilling im Jahr 1998 fast verdoppelt werden. Lag das Außenhandelsdefizit 1991 noch bei 370 Mio Schilling, so konnte 1998 ein Außenhandelsüberschuss von 1,7 Mrd Schilling erzielt werden. "Obwohl wir nach dem EU-Beitritt selbst noch zahlreiche Strukturanpassungen bewältigen müssen, begrüßen wir die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit den zehn Reformstaaten", sagte Michael Blass, Geschäftsführer des Fachverbandes der Nahrungs-und Genussmittelindustrie, bei einer Pressekonferenz in Wien. Die künftigen EU-Mitglieder in Zentral- und Mitteleuropa, so Blass, sind bereits heute schon wichtige Wirtschaftspartner der heimischen Lebensmittelindustrie; diese Rolle werde sich in Zukunft noch verstärken.

Besondere Bedeutung für die österreichischen Produzenten von Nahrungs- und Genussmittel hat der Beitritt der an Österreich direkt angrenzenden Länder. So betrug der Anteil der Agrarexporte Österreichs nach Ungarn, Tschechien und Slowenien 1998 rund 3,1 Mrd Schilling, was einem Anteil von 60 Prozent am gesamten Agrarvolumen Österreichs in die zehn Reformstaaten entspricht. Bei den Exporten von landwirtschaftlichen Erzeugnissen mit einer höheren Verarbeitungsstufe wie etwa Schokolade, alkoholfreien Erfrischungsgetränken, Teigwaren oder Bier liegt der Anteil sogar bei knapp 70%. In einer Studie der Oesterreichischen Kontrollbank und dem internationalen Beratungsunternehmen Kastner, das auf die Lebensmittelwirtschaft spezialisiert ist, konnten nun weitere interessante Marktnischen und Exportpotentiale in den benachbarten Staaten aufgezeigt werden.

Waren die Lebensmittelmärkte unmittelbar nach der Ostöffnung ziemlich turbulent und wenig attraktiv, so hat sich die Situation mittlerweile gefestigt. Produktangebot, Preisniveau, Kaufkraft und Vertriebsmöglichkeiten sind überschaubarer und besser einschätzbar. "Die Studie ist als praktisch anwendbares Handbuch konzipiert und soll den Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft in Österreich, Slowenien, Tschechien und Ungarn bei der Planung ihrer Exporte und Direktinvestitionen helfen", sagte Michael Wancata, Bereichsverantwortlicher in der Oesterreichischen Kontrollbank. Makroökonomische Analysen, Informationen über die Lebensmittelproduktion und den Agraraußenhandel, eine Dokumentation der Vertriebsstrukturen des Lebensmittelhandels, der Importeure, der Gastronomie und der Tankstellen in Slowenien, Tschechien und Ungarn sowie eine Bewertung der Marktchancen mit konkreten Ansätzen für ein erfolgversprechendes Exportmarketing weisen den österreichischen Unternehmen der Lebensmittelindustrie den Weg in die Regale unserer östlichen Nachbarn.

Neben verlässlichem Zahlenmaterial gibt es auch wertvolle Informationen über die speziellen Förderprogramme für die Lebensmittelwirtschaft und die handelspolitischen Rahmenbedingungen. Erfahrungen und Kooperationswünsche erfolgreicher Unternehmen runden das Informationsangebot ab. "Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, sich über die Chancen der EU-Erweiterung vor allem in Slowenien, Tschechien und Ungarn bewusst zu werden. Denn in einigen Jahren werden diese Länder nicht mehr Exportmärkte, sondern ein Teil des Binnenmarktes sein", so der Autor der Studie, Robert Kastner.

Was die künftige EU-Erweiterung betrifft, so hat die heimische Lebensmittelindustrie bereits erhebliche Vorleistungen erbracht. So sind die Einfuhrabgaben der EU für landwirtschaftliche Verarbeitungsprodukte deutlich niedriger als die der meisten Reformstaaten. "Damit wir gleiche Wettbewerbsbedingungen haben, muss diese Schieflage spätestens beim Beitritt der Reformstaaten ausgeglichen werden", warnte Blass. Einseitige Übergangsmaßnahmen zu Gunsten der Reformstaaten lehnt die österreichische Lebensmittelwirtschaft entschieden ab. Dies würde dem Konzept des Binnenmarktes widersprechen und den Wettbewerb weiter verzerren. Das Produktionskosteniveau der Beitrittswerber werde auch in einigen Jahren noch deutlich unter jenen am Standort Österreich liegen. Alternativ zu Übergangsmaßnahmen könnte sich Blass eine längere Vorbeitrittsphase vorstellen, wenn Reformstaaten die Betrittsbedingungen noch nicht erfüllen.

Für 1999 rechnet die österreichische Lebensmittelindustrie mit einem Umsatz von 75 Mrd Schilling , was einem leichten Rückgang von 1,7 Prozent entspricht. Die Zahl der Betriebe ging um 4,5 Prozent auf 275 zurück, dementsprechend sank die Zahl der Mitarbeiter in der Branche auf 29.500 (-3,4 Prozent). Sorgen bereitet der Branche der harte Verdrängungswettbewerb und die zunehmende Konzentration im heimischen Lebensmittelhandel, die den Druck auf die Erzeugerpreise weiter erhöht. Die verstärkten Exportbemühungen wurden u.a. durch die Krise in Russland, den Bananen- und Hormonstreit der EU mit den USA und den Dioxin-Skandal in Belgien gedämpft. Der zunehmende Kostendruck und Verdrängungswettbewerb wird auch heuer zu weiteren Produktionsverlagerungen und Betriebsstilllegungen führen. (MH)

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