"Die Presse" Kommentar: "Alles paletti an der Uni?" (von Erich Witzmann) Ut.: Ausgabe vom 31.3.2000

Wien (OTS) - Der Studentenstreik, der keiner war, ist nun zu Ende. Donnerstag räumten die letzten Besetzer das Auditorium Maximum der Universität Wien. Ein, bisweilen auch zwei Dutzend Studenten (und solche, die sich dafür ausgaben) haben tagelang den Vorlesungsbetrieb im größten Hörsaal der Wiener Uni lahmgelegt.

Die Besetzer haben _ freilich unfreiwillig _ für mehrere heilsame Erkenntnisse gesorgt: Erstens ist die Kollegenschaft nicht willens, einem diffusen Demonstrationsaufruf gegen die Regierung zu folgen. Gut beraten waren auch, zweitens, die gewählten Studentenfraktionen, die sich die Sache erst einmal anschauten, und sich dann von der Aktion distanzierten; und die Bildungspolitiker, die ebenfalls zur Tagesordnung übergingen. Und drittens hat sich die Leitung der Universität _ in erster Linie der Rektor _ mit ihrem Nicht-Handeln eine unnötige Blöße gegeben. Wenn bei jedem Willkürakt ein Hörsaal für 800 Personen ausfällt und zusätzliche Kosten von einigen hunderttausend Schilling entstehen, wenn also nichts dagegen unternommen wird _ dann meldet sich die Universität selbst von der Aufrechterhaltung ihres Betriebes ab. Der erste Protest bei der Besetzung am 15. März richtete sich gegen die VP-FP-Koalition und die _ so wird behauptet _ geplante Einführung von Studiengebühren. Daß im Regierungsprogramm die Gebührenfrage mit keinem Wort vorkommt (im Gegensatz zu dem schon ausverhandelt gewesenen SP-VP-Papier), mußten auch die Demonstranten zur Kenntnis nehmen. Also richtete sich der Zorn flugs gegen die sehr wohl geplante "Vollrechtsfähigkeit" der Universitäten.

Weitgehend autonome (vollrechtsfähige) Hochschulen würden über kurz oder lang die Studenten zur Kassa bitten, erklärten die Demonstranten mit Hinweis auf ausländische Beispiele. Allerdings: Der Beschluß zu einer Eigenleistung der Studierenden müßte im Senat gefaßt werden _ und hier entscheiden die Kurien der Studenten, des Mittelbaus, der Professoren. Wenn schon ein Protest, dann müßte er sich vorbeugend gegen die eigenen Uni-Lehrer richten. Aber auch diese lehnen, zumindest derzeit, Gebühren ab.

Autonomie bedeutet Verantwortung. Frühere Uni-Generationen _ Professoren wie Studenten _ haben stets die eigenständige Gestaltungsmöglichkeit gefordert. Jeder staatliche Einfluß wurde vehement bekämpft, stets hat man Einmischungen von außen entschieden zurückgewiesen. Nun, da ein Gesetz den Universitäten diese Eigenständigkeit garantieren soll, dürfte manchen die Courage abhanden gekommen sein.

99 Prozent der Studenten, die mit den Audimax-Demonstrieren nichts gemein haben wollten, zeigten nicht nur, daß ihnen Studieren über Demonstrieren geht; die Absenz war auch eine Absage an den Kleinmut jener, die jetzt den Staat als Verantwortlichen wünschen, bei dem man sich bei jeder auftauchenden Schwierigkeit abputzen (bzw. gegen ihn demonstrieren) kann.

Tatsächlich müßte das Gegenteil der Fall sein: Die Universitäten müßten auf die Vollrechtsfähigkeit drängen, sollten selbst Vorschläge für die neue Uni-Organisation machen. Von einer intensiven Diskussion über ihre Zukunft ist an den Universitäten allerdings wenig zu merken. Es ist zu befürchten, daß die (alte) Uni-Sektion im (neuen) Bildungsministerium einen Gesetzesvorschlag ausarbeitet, und studentische wie akademische Institutionen wieder nur reagieren.

Statt Demonstrationen wären jetzt Aktionen angesagt. Und nicht zuletzt ist eine Geschlossenheit aller Uni-Gremien wichtig. Denn nur eine einige Uni ist eine starke Uni, die sich nach außen - und insbesondere gegenüber der Regierung - für die Anliegen der Universität wirksam einsetzen kann.

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