"Die Presse" Leitartikel: "So frei, wie wir es wollen" von Michael Prüller - Ausgabe: Donnerstag, 30.3.2000

Wien (OTS) - Am 1. Oktober 2001 ist es soweit: Österreichs Strommarkt wird völlig liberalisiert _ jeder Haushalt kann dann seinen Elektrizitätsversorger frei wählen. Aber was wird "frei" wirklich bedeuten? Eine bloß theoretische Entscheidungsfreiheit (wie bei "freien" Wahlen in totalitären Ländern)? Oder ein Schlaraffenland, in dem man täglich aus einer Vielzahl von Angeboten das beste herauspicken kann _ wie beim Gemüse auf dem Grünmarkt? Wie frei der Markt sein wird, wird dabei weniger auf der technischen, sondern auf der kaufmännischen _ und vor allem der mentalen Ebene entschieden. Heute scheint man auf der Nachfrager- wie auf der Anbieterseite für ein marktgerechtes Auftreten kaum gerüstet. Der Übergang wird wohl weit länger als bis zum Oktober 2001 brauchen.

Anders als etwa in der Telekommunikation, wo ein einziger Monopolist durch zahlreiche ehrgeizige Newcomer Konkurrenz erhielt, wird beim Strom künftig rund ein Dutzend ehemaliger Monopolisten miteinander wetteifern. Wie wenig weit diese Gesellschaften in ihrer eigenen, inneren Öffnung für das Neue sind _ trotz der oft wiederholten Beteuerung, alle "Hausaufgaben" gemacht zu haben _, offenbart sich darin, daß sie mehrheitlich die völlige Marktöffnung immer noch eher als Bedrohung ihrer Kundenbasis denn als Chance zu deren Erweiterung sehen. Die Abwehr von Konkurrenten hat immer noch mehr Gewicht als das Erschließen neuer Potentiale. Daß in diesem noch recht behäbigen Klub ein segensreicher Kampf um jeden Kunden geführt werden wird, ist also eher unwahrscheinlich.

Dazu kommt, daß sich die meisten der potentiellen Wettbewerber bis 2001 womöglich noch zu einer gemeinsamen großen Gesellschaft zusammenfinden. Dann bleibt als alternativer Anbieter nur noch das Ausland _ vielen Kleinabnehmern unheimlich _ übrig.

Auch auf Kundenseite muß der Markt nicht von vornherein funktionieren. Frau Meier mit ihrer Zweizimmerwohnung in Dornbirn etwa wird die Feststellung machen, daß sie als einzelne Kundin für die burgenländische Bewag reichlich uninteressant ist. Und daß es für sie vielleicht gar keinen billigeren Anbieter gibt.

Es könnte aber auch anders sein. Eine Reihe von innovativen Vermarktern könnte mit Stromproduzenten Kooperationen schließen und die öde Versorgerlandschaft durcheinanderwirbeln. Wohnblocks und ganze Gemeinden bilden Einkaufsgemeinschaften und verhandeln selbstbewußt mit allen möglichen Lieferanten über Sonderkonditionen. Ergebnis: Die Preise sinken weiter, die Zahl maßgeschneiderter Verträge wächst; die Liefersicherheit bleibt erhalten, der Kraftwerksbau wird optimiert. Vorbilder dazu gibt es schon in mehreren europäischen Ländern. Technisch ist das alles machbar. Man muß nur die richtigen Rahmenbedingungen setzen _ und die Freiheit auch nützen wollen.

Natürlich bedeutet neugewonnene Freiheit auch Verunsicherung. Wer sein Leben lang von der öffentlichen Hand teuer, mitunter unfreundlich, aber doch verläßlich versorgt wurde, mag sich von einer weiteren Wahlmöglichkeit überfordert fühlen und Marktverhalten _ sprich: die Suche nach dem besten Angebot _ verweigern. Doch das Schöne dabei ist, daß selbst Marktmuffel von einer gelungenen Liberalisierung profitieren, schon allein wegen des verstärkten Drucks auf die Versorger, ihre Stammkunden besser zu hegen und pflegen.

Der Fall eines weiteren Monopols ist also ein Gewinn für alle. Und geradezu elektrisierend ist es, daß Österreich hier einmal kein EU-Schlußlicht darstellt, sondern um zwei Jahre früher dran ist, als es laut Brüssel eigentlich müßte. Jetzt kommt es darauf an, daß dieser Energiestoß in der mühsamen Umsetzung eine würdige Fortsetzung findet.

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