OeNB-Vortrag von Herrn Gouverneur Dr. Liebscher beim European Banking & Financial Forum am 28.3.2000 in Prag

Wien (OTS) - ! ! ! Sperrfrist: 13:00 Uhr ! ! !

Am 28. März 2000 hielt der Gouverneur der
Oesterreichischen Nationalbank, Dr. Klaus Liebscher, auf dem European Banking & Financial Forum 2000 in Prag einen Vortrag
mit dem Titel "Euro - one year on”.

Für Gouverneur Liebscher ist der Euro seit seiner
Einführung am 1. Januar 1999 eindeutig ein Erfolg. Ein leistungsfähiger Geldmarkt entwickelte sich schon sehr bald
nach der erfolgreichen Umstellung zum Jahresbeginn 1999. Von
Anfang an hat die einheitliche Geldpolitik - sogar vor dem Hintergrund zuletzt rasant steigender Ölpreise - erfolgreich Preisstabilität gewährleistet und gleichzeitig einen
bedeutenden Beitrag zu nichtinflationärem Wachstum im Euroraum geleistet. Bereits in dieser Anfangsphase hat das Eurosystem deutlich unterstrichen, dass es sich eindeutig und
unabänderlich seinem vorrangigen Ziel der Preisstabilität verpflichtet sieht. Darüber hinaus hat sich der Euro rasch als
eine der führenden Währungen für Investitionen, Handel und Wertpapierbegebungen etabliert.

Gouverneur Liebscher betonte die zentrale Bedeutung, die
dem Euro im mittel- und osteuropäischen Raum zukommt. Die Einheitswährung ist vor allem als Verrechnungseinheit im internationalen Güter- und Dienstleistungsverkehr in Zentral-
und Osteuropa nicht mehr wegzudenken. Darüber hinaus sei, so Liebscher, zu erwarten, dass der Euro immer stärker eine Rolle
als Anlage- und Finanzierungswährung für Privatinvestoren in Zentral- und Osteuropa sowie längerfristig zur Preisangabe bei Gütern und als Währung auf den Aktienmärkten spielen werde.

Schon heute - so Gouverneur Liebscher - ist der Euro eine Schlüsselwährung für die Währungspolitik der zentral- und osteuropäischen Länder: Die Währungen der zentral- und osteuropäischen Staaten sind fast durchwegs auf den Euro ausgerichtet oder sogar formell an ihn gebunden. Nach Ansicht
Dr. Liebschers wird sich der Trend zur Verwendung des Euro als Ankerwährung in den kommenden Jahren noch verstärken. In der
Folge wird der Euro auch als Interventions- und Reservewährung
in dieser Region zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Hinsichtlich der wirtschafts- und währungspolitischen Integration der Beitrittsländer hielt Gouverneur Liebscher
fest, dass diese wahrscheinlich in drei Etappen voranschreiten
wird. Zunächst werden diese Länder der Europäischen Union beitreten, dann werden sie am WKM II, dem Wechselkurs-
mechanismus der Union, teilnehmen und zuletzt werden sie den
Euro als gesetzliches Zahlungsmittel in ihren Ländern
einführen. In der Phase vor ihrem EU-Beitritt müssten die Beitrittswerber nach Ansicht von Dr. Liebscher vor allem zwei Herausforderungen bewältigen:

- Erstens müssen die wirtschaftlichen Voraussetzungen für
eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union erfüllt
werden, wie sie vom Europäischen Rat von Kopenhagen im
Jahre 1993 festgelegt wurden. Hiezu zählen der Aufbau einer funktionierenden Marktwirtschaft und die Erreichung eines
Grades an Wettbewerbsfähigkeit, der es den Beitrittswerbern erlaubt, am gemeinsamen Markt teilzunehmen und in diesem
Markt auch zu bestehen. Die Erfüllung dieser
Voraussetzungen wären die Basis für eine weitere
Eingliederung in die wirtschafts- und währungspolitische Zusammenarbeit in der Europäischen Union. Gouverneur
Liebscher unterstrich, "dass in der Vorbereitung auf den EU-Beitritt eine ausgewogene und stabilitätsorientierte Wirtschaftspolitik unverzichtbar sei, um den Strukturwandel
zu unterstützen und den Aufholprozess in Zentral- und
Osteuropa zu beschleunigen".

- Die zweite Herausforderung im Vorfeld eines EU-Beitritts
sei die Umsetzung der rechtlichen Vorgaben der Wirtschafts-
und Währungsunion, die für alle EU-Mitgliedstaaten gelten.
In diesem Zusammenhang hob Gouverneur Liebscher besonders
die Schaffung der rechtlichen Grundlagen für die
Unabhängigkeit der Notenbanken hervor.

Abschließend wies Gouverneur Liebscher mit Nachdruck auf
die Vorteile einer stufenweisen Annäherung an die währungspolitische Integration der zentral- und
osteuropäischen Kandidatenländer hin: "Nicht nur
institutionelle und rechtliche Aspekte und das Gleichbehandlungsprinzip, sondern auch wirtschaftliche
Überlegungen sprechen eindeutig dafür, schrittweise
vorzugehen. Eine verfrühte Einführung des Euro könnte die Volkswirtschaften dieser Länder ernsthaft belasten und
eventuell sogar tief greifende und nachhaltige negative
Auswirkungen haben. Dies wäre weder im Interesse der
derzeitigen noch der zukünftigen Teilnehmer am Euroraum.”

Folglich sollten die Beitrittsländer sich in den kommenden Jahren in erster Linie auf die Stärkung ihrer Wirtschaft und
deren Wettbewerbsfähigkeit konzentrieren, indem sie die Strukurreformen entschieden vorantreiben und Zug um Zug den Rechtsbestand der Gemeinschaft übernehmen. Nur so würden diese Länder dauerhafte und nachhaltige makroökonomische Stabilität erreichen können und nur so würden sie schließlich in der Lage sein, die Bedingungen für eine Teilnahme am Euroraum
nachhaltig zu erfüllen.

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