"KURIER" Kommentar: Der Wille zur Läuterung (von Christoph Kotanko)

Ausgabe vom 28.03.2000

Wien (OTS) - Alfred Gusenbauer will in der Rumpelkammer der SPÖ aufräumen. In den nächsten Tagen wird der designierte Parteivorsitzende eine Erklärung abgeben, in der er zum Umgang der SPÖ mit Ex-Nationalsozialisten kritisch Stellung nimmt. Eine solche Klarstellung ist überfällig. Denn nicht nur auf der FPÖ, auch auf anderen Parteien lasten lange Schatten. Und wer in der Auseinandersetzung mit Schwarzblau glaubwürdig sein will, muss zuerst mit seiner eigenen Vergangenheit ins Reine kommen. Gusenbauers Vorgänger waren für eine solche Klarstellung unfähig oder zu feige. Nach 1945 verstand man unter "Bewältigung der Vergangenheit" vor allem die Wiedereingliederung von 537.000 ehemaligen Nationalsozialisten in das öffentliche Leben. In der SPÖ, so der Historiker Hermann Dworczak, waren es führende Kreise um Adolf Schärf, die den Konstituierungsprozess der "Nationalen" als zweite bürgerliche Partei, also als Konkurrenz zur ÖVP unterstützten. ÖVP-Spitzenpolitiker (Julius Raab, Alfred Maleta) wiederum trafen 1949 in Oberweis bei Gmunden mit Ex-Nazi-Größen zusammen, um Zugang zum "braunen" Stimmenpotenzial zu erhalten. Oscar Pollak, Chefredakteur der "Arbeiterzeitung", bezeichnete diese Anbiederung an ehemalige Nationalsozialisten als "Sündenfall der demokratischen Parteien". Ab Februar 1949 verfügten die "Ehemaligen" mit dem "Verband der Unabhängigen" (VdU) über eine eigene Partei, aus der später die FPÖ hervorging. Historisch gesehen hatten die Sozialdemokraten mehr Berührungspunkte mit den Nazis als die Schwarzen. Dies ergab sich aus der Verfolgung von Sozialisten und Nationalsozialisten durch die Austrofaschisten. Laut Simon Wiesenthal wurde die SPÖ nach 1945 "zur wichtigsten Fürsprecherin der ehemaligen Nationalsozialisten". Bruno Kreiskys erstem Kabinett gehörten vier vormalige NSDAP-Mitglieder an, der Landwirtschaftsminister war sogar bei der SS gewesen. Als dies publik wurde, zog ihn Kreisky ab - und ersetzte ihn durch einen anderen ehemaligen Nationalsozialisten. Bis Mitte der achtziger Jahre gab es in der SPÖ zwar die rituelle Beschwörung des Antifaschismus, in der Praxis aber kam es zu skandalösen Vorfällen. Kreisky streute aus, Wiesenthal sei Kollaborateur der Nazis gewesen; Justizminister Broda ließ Verfahren gegen mutmaßliche NS-Verbrecher niederschlagen (darunter den Fall des Primarius Gross); im Nationalrat und in Landtagen kamen einstige Mitläufer des Hitler- Regimes zu Amt und Ehren. Besonders im roten Kärnten waren "Ehemalige" wohlgelitten: Noch 1975 waren vier von 20 SPÖ- Landtagsmandataren frühere NSDAP-Mitglieder. Wie schwer sich die Kärntner beim Saubermachen tun, zeigt ihre milde "Rüge" für den Abgeordneten, der unlängst ein Goebbels-Zitat verwendete. Man darf auf Gusenbauers Bekenntnisse gespannt sein. Nach dem Abschied der SPÖ von der Macht sollte ihr die Läuterung leichter fallen.

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