"Die Presse"-Kommentar: "Drei Putin-Szenarien" von Burkhard Bischof

Ausgabe vom Dienstag 28. März 2000

Wien (OTS) - Aus der Barentssee stieg am Montag früh die russische Interkontinentalrakete, die bis zu zehn Kernsprengköpfe tragen kann, steil in den Himmel, um eine halbe Stunde später auf der Halbinsel Kamtschatka einzuschlagen. Ein schon seit längerem geplanter Routine-Test, versicherte das Verteidigungsministerium in Moskau. Aber man darf den Test wohl auch als so etwas wie einen Raketengruß der Militärführung an den neuen starken Mann Rußlands, Wladimir Putin, ansehen, der es bei den Wahlen am Sonntag bereits im ersten Anlauf geschafft hat, zum Staatschef gewählt zu werden - wenn auch mit knapperem Vorsprung als prognostiziert. Medienleute und Rußlandexperten in aller Welt versuchen schon seit Wochen, drei Fragen zu beantworten: Wer ist Putin? Warum kommt er bei seinen Landsleuten so gut an? Was will Putin? Wladimir Putin ist durch und durch ein Geheimpolizist: verschwiegen, mit scharfem analytischen Verstand und sehr hart, wenn es - wie in Tschetschenien - darauf ankommt. Die Mehrheit der Russen hat nichts gegen eine Politik der harten Hand. Nach Jahren unerfüllter Versprechungen, der Armut, des Elends und krasser sozialer Gegensätze, nach Jahren der Demütigung angesichts des Niedergangs als Supermacht sowie des Verlustes des in Jahrhunderten errichteten Imperiums, nach Jahren der Peinlichkeit eines durch fremde Regierungspaläste torkelnden Staatschefs - nach all dem scheint ein Führer, der als Kampfsportler seine Gegner auf die Matte legt und im Kampfjet zu Arbeitsbesuchen in ein Kriegsgebiet fliegt, fast so etwas wie ein neuer Messias zu sein.

Komplizierter sind schon Antworten auf die Frage, was Putin eigentlich für ein Programm hat - außer, wieder den starken Staat zu schaffen. Ganze Heerscharen von Analytikern haben seine bisherigen Erklärungen und Ankündigungen durchforstet - und nicht viel Schlüssiges gefunden. Aber drei Szenarien sind denkbar. Das für die schmale liberale Schicht in Rußland ebenso wie für die Außenwelt bedenklichste ist das autoritäre: Putin glaubt wirklich, daß er mit Polizeistaats-Methoden Rußland aus seiner Multikrise befreien kann.

Dem steht das Reform-Szenario gegenüber: Putin hat bisher bewußt verschleiert, daß er im Grunde ein weltoffener Reformfreund ist, der nur auf seinen Sieg am 26. März gewartet hat, um Rußlands Modernisierung vorantreiben zu können.

Das dritte Szenario ist das "Weiterwursteln"-Szenario. Das ist das, was Putins Erfinder und Promotoren - die sogenannten Oligarchen - vom neuen Präsidenten erwarten: Daß Putin zwar nach außen hin schön von Reformen und Modernisierungen, vom Aufräumen mit Korruption und Kriminalität sowie von der Herstellung eines Rechtsstaates redet, aber tatsächlich sehr wenig nach innen unternimmt, um das zu bewerkstelligen. Die Oligarchen könnten so weiter ihre prächtigen Geschäfte im Geflecht von Macht und Geld machen - nur Rußland käme dabei halt nicht aus seinen vielen Krisen heraus. Vieles spricht dafür, daß dieses dritte Szenario das wahrscheinlichste ist; möglicherweise, weil die Oligarchen für Putin einfach zu stark sind, um sich von ihnen abkoppeln zu können.

Gegen das Polizeistaat-Szenario spricht, daß - zumindest die städtische - russische Gesellschaft schon zu liberal, fortgeschritten, "bürgerlich" ist, um sich wieder in ein (geheim-)polizeiliches Zwangskorsett stecken zu lassen. Gegen das Reform-Szenario spricht, daß Putin im Feldzug gegen Tschetschenien nicht die Spur von Menschenliebe gezeigt hat, sondern nur barbarische Härte. Oder glaubt Putin vielleicht gar, daß er, wie dereinst der Gründer seiner Heimatstadt St. Petersburg, seine Landsleute über Schädelberge hinweg zu Reformen peitschen kann?

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