DER STANDARD bringt in seiner Donnerstag-Ausgabe einen Kommentar zum Papstbesuch in Israel und dessen Entschuldigung gegenüber den Juden: Der Durchbruch blieb aus

Wien (OTS) - Der Papst-Besuch stellt dennoch einen Höhepunkt im Verhältnis Juden -Christen dar - Josef Ertl =

Die Erwartungen waren groß. Im Nachhinein gesehen
wahrscheinlich zu groß. Schon die Tatsache, dass Papst Johannes Paul II. vor zehn Tagen in seiner Vergebungsbitte für die Verfehlungen der römisch-katholischen Kirche in ihrer 2000jährigen Geschichte den Holocaust nicht erwähnt hat, hätte stutzig machen müssen. Selbst die israelischen Oberrabbiner, die höchsten Würdenträger des Judentums, waren von ihrer ursprünglichen Kritik daran abgewichen, in der Hoffnung, dass der Papst in der Gedenkstätte Yad Vashem dazu Stellung nehmen werde. Doch er blieb die ausdrückliche Entschuldigung für das Schweigen der Kirche, für ihre partielle Mitverantwortung an der Judenvernichtung schuldig. Die Hoffnungen wurden enttäuscht. Dabei stand der Besuch des Papstes im Heiligen Land zu Beginn unter einem guten Stern. Regierungschef Ehud Barak sprach von einem neuen Kapitel in den Beziehungen zwischen Israel und dem Vatikan, zwischen Juden und Christen. Doch der Papst hat die Chance für den endgültigen Durchbruch nicht genutzt. Er hat die Möglichkeit verpasst, zu Beginn des dritten Jahrtausends die geschichtlichen Belastungen endgültig abzuschütteln. Der Pontifex maximus und die von ihm bestellte Kurie können sich nicht zum Bekenntnis durchringen, dass die römisch-katholische Kirche als aus ihrer Sicht gottgewollte und heilige Einrichtung Fehler macht und versagt. Schon bei der Bitte für die historischen Verfehlungen sprach der Papst lediglich von den Sünden ihrer Brüder und Schwestern, aber nicht vom Versagen der Kirche selbst. Dabei sind die Fakten klar und unwiderlegbar. Die Kirche hat nicht nur zum Holocaust geschwiegen, sondern mit dem von ihr jahrhundertelang betriebenen Antisemitismus eine der Hauptwurzeln dafür gelegt. Zwei Jahrtausende hat die christliche Theologie die Zerstörung des Salomonischen Tempels und die jüdische Diaspora als gerechte Strafe für den "Gottesmord" an Jesus interpretiert. Die Kirche verkündete, das Judentum wäre durch die Ablehnung Jesu aus dem Bund mit Gott herausgefallen. Davon hat sich der Papst in Yad Vashem klar distanziert und für den Antisemitismus um Vergebung gebeten. Trotz der nicht ausgesprochenen Entschuldigung für das Schweigen der Kirche zum Holocaust haben sich die Beziehungen zwischen Juden und Christen verbessert und mit dem Papstbesuch im Heiligen Land einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Der Grundstein dafür wurde beim II. Vatikanischen Konzil gelegt, das ein Umdenken in der Kirche eingeleitet hat. Johannes Paul II. machte wie keiner seiner Vorgänger das Verhältnis zu den Juden zu einem zentralen Thema seines Pontifikats. 1986 besuchte er als erster Papst die jüdische Synagoge in Rom und gebrauchte den Ausdruck, die Juden seien für Christen die "älteren Brüder im Glauben". 1993 besuchte Israel Lau als erster Oberrabbiner den Vatikan, im Jahr darauf nahmen Israel und der Heilige Stuhl diplomatische Beziehungen auf. Doch das Verhältnis ist nicht spannungsfrei. So sorgte die aus israelischer Sicht araberfreundliche Haltung des Vatikans im Nahost-Friedensprozeß für Verstimmungen. Aus jüdischer Sicht unbefriedigend ist auch das 1998 erschiene Vatikan-Dokument zur Frage der Mitschuld von Christen am Holocaust. Unter anderem deshalb, weil Pius XII. positiv gewürdigt wurde und dazu auch noch heiliggesprochen werden soll. Ein Diskussionspunkt ist auch der Status von Jerusalem. Während Israel die Heilige Stadt als ihre ewige Hauptstadt sieht, plädiert der Vatikan für ein international garantiertes Statut. Der Papstbesuch war ein Schritt in Richtung Versöhnung. Die Aufarbeitung eines durch 2000 Jahre derart belasteten Verhältnisses kann kaum von heute auf morgen erfolgen. Dazu wiegt offensichtlich die Geschichte zu schwer. Das hat der Papstbesuch wieder einmal gezeigt. Es ist ein steiniger Weg, bis Christen und Juden tatsächlich Brüder werden.

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