Kurier" Kommentar: Geschichte, mit dem Bleistift geschrieben (von Christoph Kotanko)

Ausgabe vom 20.03.2000

Wien (OTS) - Geschichte, meinte Golda Meir, sollte man "nur mit dem Bleistift schreiben". Die frühere israelische Ministerpräsidentin warnte damit vor allzu schnellen Festlegungen bei vermeintlich historischen Fakten. Wie Recht Golda Meir hatte, zeigen die Verhandlungen über die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern. Vor Jahrzehnten hatte es so ausgesehen, als wäre unter das Schicksal der Nazi-Opfer ein Schlussstrich gezogen worden. 1961 schrieb der damalige Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Nahum Goldmann, Finanzminister Josef Klaus und teilte mit, dass seine Organisation nach der 12.Novelle des Opferfürsorgegesetzes (sie brachte wesentliche Verbesserungen) und nach Aufstockung des Hilfsfonds auf 600 Millionen Schilling keine weiteren Maßnahmen Österreichs zu Gunsten jüdischer Verfolgter verlangen werde. In Deutschland hatte Konrad Adenauer bereits 1951 den "baldigen Abschluss" der sogenannten Wiedergutmachung angekündigt - noch ehe man damit überhaupt begonnen hatte. All das ist Makulatur. Eine neue Generation von jüdischen Interessenvertretern hat das alte Thema wieder aufgerollt und den Druck auf Deutschland, die Schweiz und Österreich verstärkt. Noch 1998 weigerte sich der deutsche Kanzler Helmut Kohl, "die Bundeskasse neuerlich aufzumachen"; heute steht fest, dass Staat und Unternehmen insgesamt zehn Milliarden Mark zahlen. "Moral und Geschäft liegen dicht beieinander", sagte dazu der deutsche Chefunterhändler Otto Graf Lambsdorff. Er deutete damit ein Problem bei dem Poker an. Denn wie die Summe auf die verschiedenen Opfergruppen verteilt wird, ist nicht geklärt. Mehrere Opferorganisationen kämpfen um die Durchsetzung ihrer Ansprüche, darunter Zwangsarbeiter (Osteuropäer, zu 90 Prozent keine Juden) sowie Juden, deren Vermögen systematisch "arisiert" wurde. Fragwürdig ist zudem die Rolle mancher Opfer-Anwälte, die miteinander im Clinch liegen und durch ihre Rollenspiele mehr schaden als nutzen. Mittendrin in diesem Schacher ist nun Maria Schaumayer, Österreichs Regierungsbeauftragte für die Entschädigung der Zwangsarbeiter. Sie hält klugerweise Distanz zu den oft maßlosen Anwälten und vermittelt gleichzeitig glaubhaft, dass die NS-Opfer rasch entschädigt werden sollen. Ihre Verhandlungen mit US-Vizefinanzminister Eizenstat sollen einen wesentlichen Punkt klären, nämlich die Rechtssicherheit für jene, die zahlen. Andernfalls drohen Wellen von "Sammelklagen" nach amerikanischem Recht, die juristisch zweifelhaft, aber jedenfalls imageschädigend sind. Es ist zu hoffen, dass Schaumayer und Eizenstat zu einer Einigung kommen. Die Opfer würden spät, aber doch Gerechtigkeit erfahren. Und Österreich hätte auch materiell gezeigt, dass es sich seiner historischen Verantwortung stellt.

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