"DER STANDARD"-Kommentar: Bilder und deren Verschiebungen

Fernsehmarathon-Debatte über Österreich transportierte bequeme neue Feindbilder (Katharina Krawagna-Pfeifer) Ausgabe vom 17.3. 2000

Wien (OTS) - Die Sache war gut gemeint und ist nur sehr halbwegs gelungen. Möglicherweise haben es die Verantwortlichen des ORF ein wenig zu gut gemeint: Mit der Regierung, mit dem Land, mit den "Anderen" und schlussendlich mit sich selbst als betroffene Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, die sich dem "neuen" Patriotismus verschrieben haben, dessen Ausleben in Zeiten wie diesen einem unendlichen Leidensweg gleicht.

Dennoch ist das Experiment des Österreich-Gesprächs, an das sich die staatliche Monopolanstalt mit sehr viel Bauchweh herangewagt hat, kein totaler Flop geworden, wie Kritiker anfänglich befürchtet haben. Um einen Erfolg hinzulegen zu können, waren aber die Rahmenbedingungen ungenügend. Die Konzeption der Österreich-Gespräche war so angelegt, dass alle, alle, wirklich alle zu Wort kommen sollten. Die Regierung und die Opposition, das in den Augen der neuen Patrioten gute (etwas mehr) und das weniger gute (etwas weniger) Ausland. Die Demonstranten gegen Schwarz-Blau und deren Verteidiger, die Wirtschaft und die Wissenschaft, die Medien und deren Kritiker. Nach über drei Stunden durfte dann auch noch die Kirche zu allem Gesagten ihren Segen geben. Womit endgültig jeder Zuseherin und jedem Zuseher klar geworden sein dürfte, dass es sich dabei sozusagen um eine "Messe für Österreich" gehandelt haben muss. Einschließlich der Fürbitten, die bei solch feierlichen Anlässen nie fehlen dürfen.

Und so wie in Kirchen üblich, deren größte Konkurrenten seit ihrem Bestehen vermutlich die Fernsehanstalten sind, ging es Mittwoch Abend auf dem Küniglberg um die Verankerung und bedauerlicherweise um die Verfestigung von bereits vorhandenen Bildern in den Köpfen der Zuschauer. Vor allem das neue und für die Regierenden so außerordentlich bequeme Feindbild des EU-14 wurde eindringlich beschworen. Man klagte ausgiebig über die von "den Anderen" verhängten Sanktionen, und die darob ausbrechende Selbstbejammerung schwoll zu einem unerträgliche Chor. Dies vor allem deshalb, weil jene Stimmen weitgehend untergegangen sind, die darauf hingewiesen haben, dass die Sanktionen einen Auslöser haben. Ohne Grund, wie es die offizielle österreichische Regierungsdoktrin offenbar nun glauben machen will, sind sie nicht in Gang gesetzt worden. Schon immer war die Verwechslung von Ursache und Wirkung ein probates Mittel, um politische Propaganda zu befördern.

Streckenweise war das beim Österreich-Gespräch sehr intensiv der Fall. Vor allem die Klagen der Schülerinnen und der Schüler des Wiener Theresianums über ihre unerquicklichen, unfairen und sicher nicht zu rechtfertigenden Erfahrungen bei ihrem Besuch in Strassburg wirkten im Nachhinein betrachtet als ziemlich dick aufgetragen. Dies deshalb, weil es sehr viele Menschen in Österreich gibt, die sich nach Verhängung der Sanktionen ebenfalls in Brüssel oder Straßburg oder Paris aufgehalten haben. Sie wurden aber durchaus zivilisiert, ja sogar sehr freundlich empfangen. So zum Beispiel eine Schulkasse als Klagenfurt, die vom ORF extra aus diesem Grund zu den Österreich-Gespräch eingeladen wurde. Nur leider kamen die jungen Damen und Herrn, die ein wenig die Klagen der Theresianisten zurechtrücken hätten können, nicht zu Wort. Dass sie nun vermuten, der ORF habe einseitig emotionalisieren wollen, ist ihnen nicht zu verdenken.

Wie überhaupt die Schärfe der Wahrnehmung im Inland allmählich von einer plumpen "Jetzt erst recht" Mentalität eingetrübt wird, die bereits aus Waldheim-Zeiten bekannt ist. Vor allem die ÖVP sollte sich hüten, dem weiter Vorschub zu leisten.

Schließlich steht dabei ihr Selbstverständnis als Europa-Partei auf dem Spiel. Ihr sollte das etwas mehr wert sein als kurzsichtige politische Kleingeldmünzerei. Noch dazu im Namen eines neuen Patriotismus, der weder ehrlich noch geschichtsbewusst ist.

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