Kinderorthopädie: Der Segen kommt später

Probleme beim Hüftscreening Neugeborener

Bad Hofgastein (OTS) - "Bei Kinderkrankheiten denkt man zunächst
an ein Kind mit Fieber, aber kaum an orthopädische Krankheiten. Bei orthopädischen Krankheiten hingegen denkt man meist an Abnützungserscheinungen." Damit kann laut Univ.-Prof. Dr. Franz Grill vom Orthopädischen Spital Wien-Speising das mangelnde Problembewusstsein zumindest teilweise erklärt werden, das gegenüber wenig auffälligen Erkrankungen des Bewegungsapparates bei Neugeborenen und Kindern besteht. Diese können später zu schweren chronischen Leiden führen, die durch eine Behandlung im Kindesalter fast immer zu vermeiden gewesen wären. Aber noch immer wird ein Teil dieser Erkrankungen bei Kindern nicht entdeckt, geschweige denn behandelt. Vor den Folgen dieses Behandlungs-Defizits warnen Kinderorthopäden im Rahmen der Ärztewoche in Bad Hofgastein (12. -18. 3. 2000).

Klassisches Beispiel ist die angeborene Hüftgelenk-Luxation. Eine solche Fehlstellung der Hüftgelenke kann bei Säuglingen ausgezeichnet behandelt werden. Dennoch dürften bei rund zehn Prozent der Hüft-Arthrose-Patienten mit künstlichem Hüftgelenk die Probleme im höheren Alter auf eine angeborene und nicht ausreichend behandelte Luxation zurückgehen, meint Grill. Die Häufigkeit in Europa liegt bei zwei bis vier Prozent.

In Österreich wird zwar ein Ultraschall-Screening durchgeführt. Eine Untersuchung ist für die erste Lebenswoche vorgesehen, eine zweite zwischen der 12. und 14. Lebenswoche. "Der Abstand zwischen den beiden Untersuchungen ist zu groß", kritisiert Grill, an dessen Abteilung pro Jahr etwa 1.000 Kinder stationär und 5.000 Kinder ambulant betreut werden. Grill plädiert für eine zweite Untersuchung bereits in der dritten bis sechsten Lebenswoche. Diese sollte unbedingt durchgeführt werden, denn manchmal treten die Probleme nicht gleich nach der Geburt auf. Der Anteil der im Hüftscreening erfassten Neugeborenen dürfte gesunken sein, da die Zahl der Hausgeburten und der ambulanten Geburten zugenommen hat, so Grill.

Anscheinend verbreitet sich das Wissen nur langsam, dass eine optimale orthopädische Versorgung der Kinder vom ersten Lebenstag an Spätschäden verhindert, bedauert Grill: "Die Arglosigkeit unserer Gesellschaft gegenüber Störungen des Bewegungsapparates macht betroffen. Wenn das orthopädische Problem unterschätzt und nicht mit allen Mitteln einer Lösung zugeführt wird, so wird unseren Kindern später im Leben in Form eingeschränkter körperlicher Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit die Rechnung präsentiert. Die Folgen sind Krankenstände, Kuraufenthalte, Frühpensionen und eine reduzierte Lebensqualität."

Einige Zahlen zur Situation in Österreich:
- Jährlich werden etwa 4.000 Kinder mit bleibenden Behinderungen geboren, das sind fünf Prozent der Lebendgeburten. Viele davon sind körperlich behindert. Ein Großteil davon wiederum leidet an orthopädischen Problemen.

- Schon in der ersten Schulstufe haben 19 Prozent der Kinder auffällige Befunde im Bereich der Wirbelsäule oder eine Haltungsschwäche

- In der vierten Schulstufe sind es bereits 24 Prozent der Kinder, die solche Probleme aufweisen

- In der achten Schulstufe liegt der Anteil bei 30 Prozent

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