"Die Presse" Leitartikel: "Der Weg der Mitte" von Andreas Unterberger Ausgabe: Samstag, 11.3.2000

Wien (OTS) - Nie noch haben die Österreicher so viel über sich nachgedacht. Was für eine Art von Menschen sind sie eigentlich? Eine ehrliche Antwort muß vielschichtig und differenziert ausfallen _ auch wenn derzeit die eindimensionalen Agitatoren Hochsaison haben: auf der einen Seite die Demonstranten samt der lauten Sympathisantenszene aus Kultur und Medien, die im Grunde vom Axiom Haider = Hitler ausgehen, die sich daher wenig Mühe machen zu differenzieren; auf der anderen Seite jene, die eine Verschwörung eines Weltjudentums gegen Österreich wittern und genausowenig auf Fakten eingehen.

Das Bild ist aber viel widersprüchlicher, wie etwa zwei in den letzten Tagen veröffentlichte Studien zeigen: Da gibt es auf der einen Seite den jährlichen Menschenrechtsbericht des EU-Parlaments:
Dieser gibt Österreich ein so gutes Zeugnis, daß laut BBC die Menschenrechtssituation in Österreich überhaupt am besten von allen EU-Ländern ist (auch wenn die EU selbst kein direktes Ranking vorgenommen hat).

Da gibt es auf der anderen Seite eine Studie, die Österreich in Sachen Chauvinismus zusammen mit Irland und den USA an der Spitze zeigt. Wer das lockere Maul beobachtet, das Österreicher beim Kommentieren dritter Länder verwenden, wer die landesübliche Selbstüberheblichkeit im Urteil über mittelost- oder gar südosteuropäische Völker, aber auch über Westeuropäer kennt, der wird dieser Bilanz ebenso zustimmen, wie es Juristen der Bestnote in Sachen Menschenrechte tun. Vielleicht ist es manchen Österreichern eine Lehre, wenn sie jetzt selbst zum Opfer absurder Vorurteile werden, sich künftig damit etwas zurückzuhalten. Notwendig ist auch die Erkenntnis, daß Österreichern wie Deutschen ein auch nur partiell rechtfertigender Umgang mit der NS-Vergangenheit nicht nachgesehen wird. Daran ändert der Umstand nicht viel, daß gewisse Sympathien Jörg Haiders für den Nationalsozialismus von seinen Jägern ins Unermeßliche und Groteske übertrieben worden sind und daß andere Länder und Politiker oft ebenso dunkle Flecken auf ihren Westen haben. Noch weitere Lehren sind unverzichtbar: Daß kleine Länder in der EU und außerhalb deutlich weniger Spielraum haben als große. Daß es in der modernen Industriegesellschaft _ wenn man nicht Nordkorea, Weißrußland oder Serbien in die Verarmung folgen will _ keine Alternative zu einer Fortsetzung der Integration und Globalisierung gibt. Daß man in einer Union mehr Rücksicht nehmen muß denn als traditioneller Nationalstaat. Und daß der Pfad zwischen selbstdemütigender und anschmeißerischer Liebedienerei gegenüber allem, was aus dem Ausland kommt, auf der einen Seite und dem rotzigen Geschimpfe einer Aschermittwochrede über eben dieses Ausland auf der anderen sehr schmal ist, wo man konfliktfrei, aber erhobenen Hauptes gehen kann.

Zweifelsfrei rechtfertigt keines dieser Lerndefizite die Sanktionen des Auslands oder die Hysterie eines Teils der Kulturszene (die Andersdenkenden nur noch erlaubt, hinter vorgehaltener Hand ihre Bedenken zu äußern). Auf der anderen gibt es etwa angesichts der gewaltigen ungelösten Budgetprobleme aber auch keinerlei Anlaß für den spontanen Applaus, mit dem neuerdings Regierungspolitiker da und dort in Gasthäusern begrüßt werden.

Der Applaus für die politische Klasse wäre erst dann verdient, der Weg der Mitte für Österreich erst dann erreicht, wenn Pensions-, Budget- und Privatisierungsprobleme gelöst sind; wenn Jörg Haider endlich den Mund hält; und wenn sich Alfred Gusenbauer endlich nicht mehr "voll und ganz" hinter die EU-Sanktionen stellt, wie er es nun wieder bei seiner Europareise getan hat. Auf all das werden wir aber wohl noch lange warten müssen.

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