"Oberösterreichische Nachrichten" - Leitartikel - Täter des Worts, Von Hans Köppl

Seit die Regierungskoalition aus blau und schwarz Gestalt angenommen hat, ist der politische Umgangston schriller geworden, ist die Umgangssprache verwildert. Verächtlichmachung, Herabsetzung und Radikalisierung prägen den Disput.
Auf der Regierungsbank im Parlament sitzt die ãRadaupartieÒ beziehungsweise die ãChaostruppeÒ, die Abgeordneten gefallen sich in ãfaschistischen und stalinistischen AussagenÒ und auf der Straße wird ãWandÒ auf ãWiderstandÒ gereimt, und ein Minister lässt einem Landeshauptmann ausrichten, er solle sich ãseine Wünsche in die Haare oder sonstwohin schmierenÒ. Das bald nur noch einfache FP-Mitglied Haider kennt überhaupt keine Zurückhaltung mehr. Im Bierzeltmilieu lässt er die Sozialdemokraten zu ãroten HordenÒ mutieren und nennt Chirac (oder wen eigentlich, wenn nicht ihn?) einen ãWestentaschen-NapoleonÒ.
Ein bedenklich oft zu hörendes Vokabel ist der Begriff ãFaschistÒ. Der grüne Europaparlamentsabgeordnete Johannes Voggenhuber hat Jörg Haider in einer Pressekonferenz einen Faschisten und die FP eine faschistische Partei genannt. Die Veranstalter der Großdemonstration gegen die Regierung wurden umgehend als Linksfaschisten punziert.

Die Faschismuskeule ist ein gefährliches Instrument, nicht nur als Totschläger im Argumentationsnotstand, sondern auch als willkommenes Beweismittel für einen in Österreich also doch herrschenden Zeitgeist. Was hier zu Lande leider nicht nur am Stammtisch, im Bierzelt oder in der Sauna leichtfertig daher geredet wird, verhaftet im öffentlichen Bewusstsein außerhalb Österreichs gern als nationale Eigenart, ãSo sind sie, die ÖsterreicherÒ. Wie anders hätte in undifferenziert berichtenden Medien nach der Bildung der schwarz-blauen Regierung sofort das Bild vom Nazi-Land Österreich gezeichnet werden können?
Die bis in die späten achtziger Jahre herauf gepflegte Lebenslüge der Republik Österreich vom Opfer Nazi-Deutschlands gebietet einen besonders vorsichtigen Umgang mit einem Begriff, der viele Merkmale enthält, insgesamt aber ziemlich verschwommen ist. Im Unterschied zum Nazismus, der das umfassende politische Programm eines totalitären Regimes war, basierend auf einer Theorie des Rassismus, der Überlegenheit einer arischen Rasse, auf Entindividualisierung in einer Volksgemeinschaft, drückt sich im Faschismus eine Art des Denkens und Fühlens aus, die auch in einem nichttotalitären Umfeld ausgelebt werden kann.
Faschistische Kristallisationskerne sind etwa ein brüsker Antimodernismus in Verbindung mit einem hoch gehaltenen Traditionskult (moderne Kunst ist immer verdächtig); Angst vor dem Fremden und damit vor den Fremden, den Ausländern; übersteigerter Nationalismus und Verschwörungsobsession; Autoritäts- und Hierarchiegläubigkeit in einer Gesellschaft, in der Recht und Ordnung zu herrschen hat; egalitäres Wir-Gefühl in der Masse, die auf einen Führer aufblickt.

Die Täter des Worts mögen bedenken, dass Verbalradikalismus letztlich auch ein Merkmal des Faschismus ist.

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