"Die Presse" Leitartikel: "Worte als gefährliche Waffe" von Detlef Harbich

Ausgabe: Freitag, 10. 3. 2000

Wien (OTS) - Ist der Ruf erst ruiniert, lebt's sich gänzlich ungeniert. Nach dieser Wilhelm Busch-Maxime lebt offenbar derzeit Jörg Haider. Sein Bierzelt-Auftritt in Ried erfüllte sowohl die Erwartungen seiner dort versammelten Fans als auch die Vorurteile seiner Gegner. Er war in der gegenwärtigen Situation mit der erneuten Beflegelung ausländischer Politiker von Chirac bis Clinton so unnötig wie ein Kropf, genauer gesagt einfach verantwortungslos, und auch abgesehen von der politischen Opportunität war es mehr primitive Pöbelei als geschliffene Polemik. Für einen Franz Josef Strauß, zu dem er sich gern stilisieren möchte, reicht es noch lange nicht. Aber Jörg Haider ist nicht der einzige in diesen Tagen und Wochen, der seinem Mundwerk gefährlich ungezügelt seinen Lauf läßt. Wenn etwa von sozialistischer Seite - und zwar nicht von irgendwelchen kleinen Krakeelern, sondern von Verantwortungsträgern - mehrfach das Wort von der "Chaostruppe", vom "Davonjagen" der Regierung fiel, wenn bei Demonstrationen auf Transparenten bereits Haider und Schüssel "an die Wand" gestellt werden, dann kann man nur von gefährlicher verbaler Sittenverwilderung sprechen. In Österreich hört man auf Ermahnungen in diese Richtung dann oft, das alles sei eben nur so geredet und habe praktisch nichts zu bedeuten. Es ist eine der zahlreichen gefährlichen Illusionen, die man in diesem Land pflegt, daß Worte kein Gewicht und keine Bedeutung haben, daß man also folgenlos eine radikale Sprache führen kann, ohne daß dies dem pragmatischen Handeln Abbruch tun muß.

Auf diese Weise haben ein Lueger und andere so lange den Antisemitismus zum Stimmensammeln demagogisch instrumentalisiert (in der politischen Praxis aber nicht gelebt), bis die Worte ihre Eigengesetzlichkeit entwickelt haben mit den schrecklichen Folgen, die wir alle kennen.

Auf diese Weise hat die Sozialdemokratie sich in der Zwischenkriegszeit so lange mit Revolutions-Phraseologie in Hitze geredet, bis das Bürgertum sich wirklich zu fürchten begonnen hat -und bis die Rhetorik im Bürgerkrieg gemündet ist. Auf diese Weise haben österreichische Künstler und Literaten so lange weltweit ihr Heimatland als Inbegriff nationalsozialistischer Provinz-Dumpfheit vernadert und billigen Applaus abgesammelt, bis - wie sich nun zeigt - alle Welt wirklich gegen alle Realität glaubt, Österreich sei ein übles Nazinest. War ja alles nur fesch so dahingeplaudert, war doch nur "a Hetz", das wird man doch nicht so ernst nehmen dürfen, lautet die weit verbreitete Haltung.

Die Unterschätzung der Brisanz des Wortes ist Teil der unterentwickelten Konfliktkultur in diesem Land, die man immer wieder zu spüren bekommt, die Unfähigkeit, unterschiedliche Interessen klar und rational, aber ohne Gehässigkeit auszusprechen und dann geregelt auszutragen. Konflikte werden solange verdrängt - "Mir wern kan Richter brauchen" -, bis sie dann in ungezügelter Aggressivität ausbrechen. Spricht man mit ausländischen Wirtschaftsleuten, so beklagen diese oft, daß mit österreichischen Gesprächspartnern schwer umzugehen sei, weil diese derart zwischen Anbiederung und Konfliktverweigerung einerseits und schnellem persönlich Beleidigtsein andererseits schwanken.

Die letzten Wochen sollten gelehrt haben, daß man draußen in der Welt diesen schlampigen Umgang mit dem Verbalradikalismus nicht nur nicht goutiert, sondern, schlimmer noch, einfach nicht versteht. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, daß man das, was gesagt wird, zum Nennwert nimmt und nicht nur als lockere Zungenübung auffaßt. Worte haben Wirkung, sie können scharfe Waffen sein, die sich aber meist gegen den leichtfertigen Urheber richten, das sollte man bedenken.

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