Ansprache von Bundespräsident Dr. Thomas Klestil anlässlich der Begegnung mit den Mitgliedern der Kurien für Wissenschaft und Kunst am 9. März 2000

Herr Staatssekretär,
verehrte Mitglieder der Kurien für Wissenschaft und Kunst!
Meine Damen und Herren!

Wenn Sie durch die Fenster dieses festlichen Raumes auf den Inneren Burghof blicken, sehen Sie am Denkmal von Kaiser Franz allegorische Reliefs, die Aufgabenbereiche des Staates symbolisieren: Handel, Gewerbe, Bergbau, Ackerbau - aber auch Wissenschaft und Kunst. Das ist nicht ganz so selbstverständlich, weil es eine spezifisch österreichische - und wie ich meine, durchaus zeitgemäße - Gesinnung zum Ausdruck bringt: Nämlich Wissenschaft und Kunst der Wirtschaft gleichwertig gegenüber zu stellen - ja eine Verpflichtung der res publica für diese Bereiche festzuschreiben.

Es ist daher für mich ein wichtiges Signal, wenn sich heute die künstlerische und wissenschaftliche Elite unseres Landes wiederum an jenem historischen Ort versammelt, der in herausragender Weise mit der Geschichte unserer Staatswerdung - wie auch mit dem Gedeihen unserer Republik - verbunden ist. Denn die alljährliche Begegnung mit den Mitgliedern der Kurien gibt mir nicht nur die Möglichkeit zum Gedankenaustausch, sondern soll auch betonen, dass das Geistige und Schöpferische nicht isoliert und losgelöst von Gesellschaft und Politik existiert.
Nun haben die Ereignisse der letzten Monate zu einer ungeheuren, aber - wie ich meine - auch begrüßenswerten Beschäftigung mit "Politik" im weitesten Wortsinn geführt. Dieser Prozess geht durch alle Bildungsschichten und sozialen Gruppen unseres Landes. Und Sie werden mir wohl zustimmen, dass das intensive Interesse für Fragen unseres Gemeinwesens nicht ohne Auswirkungen auf das geistige Klima in unserem Land bleiben wird. Wir stehen möglicherweise am Beginn eines Prozesses, der auch kulturpolitische Themen wieder stärker ins öffentliche Interesse rückt und Fragen nach dem Verhältnis von Staat und Kultureinrichtungen an Politiker wie Wissenschaftler und Kunstschaffende stellt.

Nicht erst heute ist uns allen bewusst, wie sehr öffentliche Mittel für Forschung, wissenschaftliche Ausbildung und künstlerisches Schaffen durch die angespannte budgetäre Situation in Österreich betroffen sind. Gerade für junge Wissenschaftler und Künstler ist es heute vielfach schwieriger geworden als noch vor einigen Jahren. Diese Entwicklung kann nur zum Teil durch Investitionen aus der Privatwirtschaft ausgeglichen werden. Deshalb hoffe ich, dass es in absehbarer Zeit gelingt, Bestimmungen im Steuerrecht zu verankern, die Kultursponsoring und private Forschungsförderung erleichtern, so wie dies auch in anderen Ländern üblich ist.

Immer wieder höre ich auch von besorgten Wissenschaftern, dass der beste Nachwuchs in andere Staaten der Europäischen Union oder in die Vereinigten Staaten geht. Besonders schmerzlich empfinde ich es, wenn mir etwa bei Sub-auspiciis-Promotionen unsere Höchstbegabten berichten, dass sie in Österreich keine angemessene berufliche Zukunft vorfinden - und bereits aus dem Ausland Angebote erhalten haben.

Nicht viel anders ist es im Bereich der Kunst. Österreich gilt als europäisches Land, in dem Kunst und Kultur einen besonders hohen gesellschaftlichen Stellenwert haben. Das ist zwar richtig und wichtig, doch wir brauchen darüber hinaus auch ein möglichst breit gefächertes kreatives Angebot. Ich erwähne etwa die Videokunst, die moderne, weitgehend elektronisch beeinflusste Musik, die Cyber-Kultur oder das computergesteuerte Design.

So bin ich dankbar, dass wir heute durch Professor Roland Rainer mit interessanten Aspekten der zeitgenössischen Architektur und Stadtplanung vertraut gemacht werden. Sein beeindruckendes Lebenswerk hat das urbane Leben in unserem Land nachhaltig beeinflusst, und ich freue mich, dass er - nur wenige Wochen vor seinem 90. Geburtstag -den heutigen Festvortrag hält.

Nicht weniger eindrucksvoll ist das Lebenswerk einer Kollegin von Professor Rainer und wie er Mitglied dieser Kurie, die leider nicht mehr unter uns weilt: Margarete Schütte-Lihotzky. Sie hat viele Jahrzehnte ihres Lebens für die enge Verbindung von Kunst und Leben gekämpft und ist zu einer Symbolfigur der österreichischen "Landschaft des Geistes" des 20. Jahrhunderts geworden.

Ebenfalls als Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist die Arbeit von Professor Karl Acham zu sehen - den ich als neues Mitglied der Kurie für Wissenschaft erstmals herzlich willkommen heißen möchte. Ich gratuliere Ihnen, sehr geehrter Herr Professor, zu Ihrer Auszeichnung und möchte Sie bitten, auch in Zukunft als Soziologe ein kritischer und beredter Zeuge, Analytiker und Mahner kultureller Phänomene und menschlicher Verhaltensweisen zu sein.

Ebenfalls in die Kurie für Wissenschaft aufgenommen wurde der weltberühmte norwegische Forscher, Zoologe und Völkerkundler Thor Heyerdahl. Professor Heyerdahl befindet sich allerdings zur Zeit auf einer Forschungsreise, weshalb ich ihm von hier aus meine herzlichen Grüße und Glückwünsche übermittle.

Meine Damen und Herren!

Ich möchte nicht schließen, ohne Ihnen für Ihr Erscheinen zu danken und Ihnen zu versichern, dass unsere Begegnung für mich ein wichtiger Fixpunkt im Ablauf des Arbeitsjahres ist. Denn gerade in einer Zeit des Umbruchs und der offensichtlichen gesellschaftlichen Verunsicherung gilt es, die kulturellen Perspektiven in ihrer Verbindung mit Politik und Wirtschaft neu zu definieren und darüber einen konstruktiven Dialog zu suchen und zu führen.

Nochmals: Herzlich willkommen - und Ihnen, Herr Professor Acham, meinen herzlichen Glückwunsch zum Österreichischen Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, das ich Ihnen nunmehr überreichen darf!

SPERRFRIST: 17.00 UHR

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