"Die Presse" Leitartikel: "Wo liegt Mozambique?" (von Gerhard Bitzan) Ausgabe vom 7.3.2000

WIEN (OTS) - Wenn im US-Bundesstaat Florida ein Hurrikan über die Küste fegt und ein paar Dutzend Häuser zerstört, sind CNN und andere Fernsehstationen live dabei, es werden Sondersendungen am laufenden Band produziert. Wenn im südlichen Afrika ein Wirbelsturm riesige Überschwemmungen hervorruft und Tausende Menschenleben fordert, dann nimmt die Weltgemeinschaft nur sehr zögernd Notiz davon: Erst jetzt, rund zweieinhalb Wochen nachdem der tödliche Sturm "Eline" Mozambique verwüstet hat, laufen die Hilfsmaßnahmen so richtig an: Zu spät, um Tausende Menschen zu retten.

Katastrophe ist im Medienzeitalter nicht gleich Katastrophe. In Amerika, wo quasi an jeder Straßenkreuzung ein Journalist sitzt und Fernsehstationen von jedem kleinen Unglück berichten, sind Katastrophen-Meldungen in Sekundenschnelle im Informations-Netz und weltweit verbreitet. Bis aus Mozambique Informationen und Bilder über die Fluttragödie herauskamen und sich dann der internationale Troß der Katastrophen-Journalisten in Bewegung setzte, dauerte es Wochen. Doch dies ist nur ein Aspekt, warum die Hilfe für Mozambique so langsam anläuft. Weite Teile Afrikas sind für einen Großteil der Menschen in der industrialisierten Welt weiße Flecken. Man fährt nicht nach Mozambique, in den Kongo oder nach Ruanda auf Urlaub -außer ein paar Abenteurer - und daher hält sich das Interesse in Grenzen. Wenn in Indonesien Wälder brennen, kann das der Durchschnittsösterreicher noch zuordnen: Das ist doch in der Nähe von Bali, oder? Und in der Türkei, bei Kemer, ist ein Haus eingestürzt? Kennen wir doch auch, da waren wir doch schon oft.

Katastrophen in Afrika sind dagegen nur halbe Katastrophen. Wen kümmern Hungernde im Sudan oder in Somalia? Erst wenn dramatische Fernsehbilder von Kindern mit aufgequollenen Bäuchen über den Schirm flimmern, dann flackert Mitgefühl auf. Und wer weiß schon, daß Mozambique in den letzten Jahren verzweifelt versucht hat, sich von den Folgen eines fast 20 Jahre dauernden Bürgerkrieges zu erholen und den Anschluß an die zivilisierte Welt zu schaffen? Übrigens mit Hilfe Österreichs, das Mozambique schon vor langem zu einem Schwerpunktland der Entwicklungshilfe erkoren hat.

Doch nicht immer ist westliches Desinteresse schuld am zögernden Hilfseinsatz. Nur zu oft sind Regierungen zu stolz, um rechtzeitig um Unterstützung zu rufen. Auch Mozambiques Staatschef Chissano hat die Welt sehr spät um Hilfe gebeten. Aber dieses Verhalten kennen wir auch von anderen Ländern: Gerade prononciert nationalistische Regierungen weigern sich sehr lange, ausländische Hilfe anzunehmen, da man dem Volk um jeden Preis vorgaukeln will, alles selbst zu können, alles im Griff zu haben. Auch um den Preis, daß noch viele Menschen sterben müssen, ehe ihnen geholfen werden kann.

Dazu kommen im konkreten Fall noch regionalpolitische Aspekte: Der Nachbarstaat Südafrika war zwar das erste und bisher effektivste Land, das Hilfe geleistet hat. Doch auch von dort wurden zu spät Hilfssignale an die Welt ausgesandt. Der Verdacht drängt sich auf, daß Pretoria seine "Poleposition" ausnutzen wollte, um dem Nachbarn deutlich vor Augen zu führen, wer in der Region das Sagen hat.

Unabhängig von all diesen Fragen bleibt als Faktum übrig, daß Mozambique unter einer Flut biblischen Ausmaßes leidet und die Welt helfen muß. Jetzt drohen nämlich Seuchen, jetzt gilt es, die Geretteten mit Nahrung zu versorgen. Und vor allem müssen die vielen Tausenden Landminen, die während des Bürgerkrieges gelegt wurden und jetzt herausgeschwemmt werden, entschärft werden: Die Hilfe lief zwar spät an, zu tun gibt es aber immer noch genug.

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