"Die Presse" Kommentar: "Das Phantom Pinochet spukt weiter" von Thomas Vieregge - Ausgabe: Freitag, 3. 3. 2000

Wien (OTS) - Wie ein Untoter geisterte das Phantom Pinochet in den vergangenen 16 Monaten durch die internationale Politik. Das mit allen juristischen Finessen ausgefochtene Tauziehen um die Auslieferung des chilenischen Ex-Diktators war am Schluß nur noch quälend und nahm immer mehr die Facetten einer juristischen Farce an.

Nun ist der Spuk zumindest in London vorbei - Pinochets Ungemach aber noch lange nicht. Der greise und sieche Despot darf in seine Heimat zurückkehren. Briten wie Chilenen dürfte deswegen ein Stein vom Herzen gefallen sein. Und auch anderswo war das Aufatmen groß -vor allem in Spanien, das den Auslieferungsantrag gestellt hatte und das die Probe aufs Exempel zu fürchten hatte.

Die Briten, anfangs noch couragiert bei der Sache und befeuert vom moralischen Impetus der Blair'schen Wende, verließ zum Ende hin der Mut. Sie haben es sich nicht leicht gemacht, gewiß. Aber Pannen und Peinlichkeiten häuften sich, je länger sich das langwierige und komplizierte Verfahren hinzog.

Innenminister Jack Straw war zuletzt nur noch darauf aus, den unliebsamen Gefangenen loswerden. Sozusagen generalstabsmäßig lief die "Operation Rückkehr" an. Das Manöver etwa, dem Potentaten ein ärztliches Attest auszustellen _ einen Freibrief für die Entlassung aus dem komfortablen Hausarrest - war allzu durchsichtig. Und erst recht der Versuch, das Bulletin unter der Decke zu halten. Aber es steht auch fest: Eine längere Nervenprobe wäre für den 84jährigen unmenschlich gewesen.

Der Fall Pinochet hat einen Präzedenzfall für frühere Diktatoren in aller Welt geschaffen. Sie werden nicht mehr so leichtfertig auf Reisen ins Ausland gehen. Insofern hat die Causa Pinochet ein moralisches Exempel statuiert, das nicht nur den Opfern des starrsinnigen Generals tiefe Genugtuung verschafft hat.

Der Ball ist nun wieder nach Chile zurückgespielt worden. Dort genießt Pinochet als Senator auf Lebenszeit Immunität. Die Debatte über seine Verantwortung wird zweifelsohne weitergehen, denn das Chile der Post-Pinochet-Ära ist beileibe kein Geisterhaus mehr. Der bittere Herbst des Patriarchen ist also noch nicht vorbei.

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