DER STANDARD bringt in seiner Donnerstag-Ausgabe einen Kommetar über Wolfgang Schüssel - Die Verwandlung Jörg Schüssel oder: Die Verhaiderung des Bundeskanzlers hat schon begonnen - Gerfried Sperl

Wien (OTS) - Der "glühende Europäer" Wolfgang Schüssel hat sich nach dem dritten Oktober vermutlich folgende Ziele gesteckt:

1. Bundeskanzler werden.
2. Haider zähmen.
3. Wahlen gewinnen.

Den ersten Punkt hat er umgesetzt, weil man in der politischen Theaterlandschaft mit gespielter Opposition leichter Kanzler wird als mit tatsächlicher. Die zweite Aufgabe trainiert Schüssel heftig, weil ihn ein Erfolg dem dritten Vorhaben näher bringen würde.
Das Amt des Bundeskanzlers könnte Schüssel mit der ihm
eigenen Professionalität ganz gut ausfüllen, wenn ihn die Umstände nicht daran hinderten. Das Problem ist Schüssels Einbildung, auch der Dompteur des Bärentalers zu werden. Daran kann er nämlich scheitern. Wahrscheinlich sogar um den Preis, dass Österreich schwer beschädigt wird.

Der Bärenbändiger hat zunächst versucht, die Hierarchie klarzustellen: Haider sei doch nur ein Landeshauptmann. Das funktionierte nicht, weil nur Haiders Worte internationale Schlagzeilen produzierten, die Reaktionen Schüssels nicht. Nächster Versuch. Haider sollte "eingebunden" werden und im Koalitionsausschuss sitzen. Half auch nichts, weil der FPÖ-Chef längst auf seine Doppelstrategie fixiert war, die Regierung zu loben, die EU jedoch immer stärker anzugreifen. Schlüsselsatz: "Der Euro ist eine Fehlgeburt." Das war erneut eine Attacke mit dem Effekt einer weiteren Verhärtung in der EU.

Daher ein optischer Trick: Der Rücktritt ohne Einflussverlust. Schüssel sprach von einem "vernünftigen Signal". Obwohl der Ex-FP-Chef die EU erneut scharf kritisierte, gibt es immerhin Anzeichen für eine Auflockerung. Der italienische Außenminister Dini beispielsweise möchte die Position der Vierzehn revidieren, weil es angesichts der Boykottmaßnahmen (vor allem Frankreichs und Belgiens) da und dort Bauchweh gibt. Ob's wirklich was ändert, weiß man derzeit nicht.
Der Bundeskanzler schien jedenfalls außerordentlich gerührt.
Er spürte Haiders "Ernsthaftigkeit" und "Verantwortungsgefühl" so heftig, dass er erstmals und ebenfalls in eine Drohgebärde verfiel. Österreich könne die EU "verlangsamen". In der ZiB 2 am Dienstag verteidigte der ÖVP-Chef Haiders jüngste Aussagen derart vehement, dass er in die Nähe eines FPÖ-Pressesprechers geriet. Man solle Haider doch nicht immer unterstellen, "Tricks zu machen oder etwas nicht ehrlich zu meinen".

Damit hat die Verhaiderung des Bundeskanzlers schon begonnen. Wolfgang Schüssels langfristige Ziele haben sich in drei kurzfristige Aufgaben verwandelt.

1. Bundeskanzler bleiben.
2. Haider verteidigen.
3. Europa für alles die Schuld geben.

Haider weiß, dass er Schüssel selbst dann bei der Stange hält, wenn die Anti-EU-Attacken einer Verletzung der beim Bundespräsidenten unterzeichneten Präambel zum Regierungsprogramm gleichkommen. Schüssel wird um (fast) jeden Preis Kanzler bleiben wollen.

Was er und seine Umgebung unterschätzen: Haider wird versuchen, die schwarz-blaue Regierung in ein EU-kritisches Instrument zu verwandeln. Die ÖVP würde von einer christdemokratischen Partei endgültig zu einer konservativen nach britischem Tory-Muster mutieren.

Wir hätten dann eine innenpolitische Situation, die alles Bisherige ins Gegenteil verkehrte. Die SPÖ und die Grünen wären die europäischen Musterknaben, ÖVP und FPÖ, die einstigen Europaparteien, die schärfsten Kritiker. Wir hätten zwei klare Blöcke vor uns.

Haider scheren weder EU noch ÖVP. Für die nächsten Parlamentswahlen - ob vorgezogen oder regulär 2003 - peilt er Spitzenkandidatur und Kanzleramt an. Wenn das nicht funktioniert, hat er immer noch eine Option: als Spitzenkandidat einer deutschen Rechtspartei bei den Europawahlen 2004. Zusammen mit den österreichischen Freiheitlichen entstünde ein netter großdeutscher Block.

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