"Presse" Kommentar: Barak, ein Jongleur ohne Bälle (von Christian Ultsch) Ausgabe vom 2. März 2000

Wien (OTS). Ehud Barak muß sich das alles ganz anders vorgestellt haben. In einer einmaligen Kraftanstrengung wollte der ehemalige Generalstabschef seinem Land innerhalb kürzester Zeit Frieden an allen Fronten gleichzeitig bringen: Ein Jahr _ und es sollten keine israelischen Soldaten mehr im Südlibanon sterben. Ein Jahr noch _ und die Palästinenserfrage sollte endlich gelöst sein. Ein Jahr _ und es sollte auch die harte syrische Nuß geknackt sein. Neun Monate sind nun seit Ehud Baraks Amtsantritt als israelischer Premierminister vergangen. Die hochfliegenden Pläne von damals haben sich längst in Luft aufgelöst. Die Verhandlungen mit Syrien endeten nur kurze Zeit nach ihrem euphorisch gefeierten Beginn in einer Sackgasse. Und die Gespräche mit den Palästinensern sind nach dem anfänglichen Austausch von Nettigkeiten aus eben dieser Sackgasse nie richtig herausgekommen.

Barak hat sich der Weltöffentlichkeit anfangs als gewiefter Stratege vorgestellt, als Artist, der mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft halten kann. Jetzt aber liegen alle auf dem Boden. Und während sich Barak bückt, um sie aufzuheben, beginnt die innenpolitische Bühne zu beben. Nicht nur, daß Baraks Partei in einen Spendenskandal verwickelt ist; nicht nur, daß Israels Präsident Weizman seit Wochen in den Seilen hängt. Jetzt beginnt auch Baraks mühsam zusammengezimmerte Koalition zu wackeln.

Erstmals ist der Premier von seinen Partnern in einer zentralen Frage im Stich gelassen worden. Das Parlament hat mit den Stimmen aus drei Regierungsparteien befürwortet, daß sich bei einem etwaigen Referendum nicht nur die Mehrheit aller abgegebenen Stimmen, sondern die aller Wahlberechtigten für einen Friedensvertrag mit Syrien aussprechen müßte. Geht dieses Gesetz auch in der endgültigen Abstimmung in der Knesset durch, dann wird dies die Skepsis in Damaskus nur noch erhöhen. Vieles deutet darauf hin, daß sich Barak übernommen hat. Er wäre gut beraten, seine Kräfte zu bündeln, sich für eines der Friedensgleise zu entscheiden, anstatt dauernd die Weichen zu verstellen, und zunächst einmal einen der Züge auf Touren zu bringen: sei es den palästinensischen oder den syrischen.

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