KOMMENTAR (Ausgabe 1. März 00): Norbert Stanzel interpretiert Haiders "Auszeit" und die Fehler seiner Gegner

Wien (OTS) - Eingeständnis des Scheiterns
Die närrische Zeit dauert in Österreichs Politik nun schon seit dem 3. Oktober an - und sie wird mit Sicherheit nicht am Aschermittwoch enden. Narreteien sind auch über den Rückzug von Jörg Haider zu hören. Da kritisiert etwa die SPÖ, dass Haider künftig Oppositionspolitik von Kärnten aus betreiben werde - statt sich über einen Verbündeten gegen die schwarzblaue Regierung zu freuen. Ähnlich merkwürdig ist die Klassifizierung von Haiders Rückzug als "Finte". Bei einer Finte soll nämlich die wahre Absicht verschleiert werden. Aber die Freiheitlichen verschleiern nichts: Haider und seine Nachfolgerin erklären offen, dass er weiter in der Bundespolitik mitmischen wird - als Landeshauptmann, als "Aufsichtsrat" im Parteipräsidium, im Koalitionsausschuss, als "Vertrauter" der neuen Parteichefin. Auch aus der Möglichkeit, dereinst als Kanzlerkandidat und/oder Parteichef zurückzukehren, wird kein Hehl gemacht. Wer Emotionalität und Anzahl der Reaktionen betrachtet, wird den Verdacht nicht los, dass die Haider-Gegner seine "Auszeit" mehr bedauern als seine Fans. Das klingt zwar verrückt - ist aber politisch und psychologisch plausibel, weil man sich damit unangenehme Fragen an sich selbst erspart. Die Opposition lebt von der Dämonisierung der Person Haider - das ist komfortabler, als sich mit den Ursachen für seinen Erfolg auseinander zu setzen. Etwa das so genannte "Ausländerthema": Würde sich die Sozialdemokratie der inhaltlichen Debatte stellen, käme sie unweigerlich zur Frage, warum denn die neue Regierung die bisherige Fremdenpolitik einfach fortsetzen will. Ist vielleicht ihre Haltung gar nicht so inhuman? Oder hatten die roten Innenminister nicht schon längst freiheitliche Inhalte umgesetzt? Frappierend sind auch die taktischen Fehler, die selbst sonst professionell agierende Haider-Gegner machen. So meint etwa Grünen-Sprecher Van der Bellen, dass Haider die Nummer 1 der FP bleibe, gleich ob er Landeshauptmann oder "Gemeinderat von Krumpendorf ist". Damit wird transportiert: Haider hat Macht - und zwar mehr als alle anderen Politiker und Funktionsträger der Republik. Warum verleiht man jemandem Macht, dem man sie eigentlich wegnehmen will? Auch wenn der von Haider wohl als temporär geplante Rückzug seinen Effekt - Linderung des Drucks auf die Regierung -verfehlen dürfte: Man sollte ihn als das nehmen, was er ist. Nämlich als (ungewolltes) Eingeständnis des Scheiterns. Haider wollte die Regierung entlasten. Das inkludiert die Erkenntnis, dass er eine riesige Last für eine Regierung ist, der er nicht einmal angehört. Wie kann aber so jemand ernsthaft glauben, als Kanzlerkandidat keine Last für dieses Land zu sein? Seine Abwahl als Landeshauptmann 1991 war von den anderen Parteien aus der Erkenntnis erzwungen worden, dass er für das Land untragbar ist. Jetzt hat es Haider selbst zugegeben.

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