"DER STANDARD"-Kommetar zu den Konsequenzen von Haiders Rücktritt. Das System Haider wird verfeinert.

Die Freunderlwirtschaft in der FPÖ wird manche Freundschaft belasten (von Conrad Seidl) Ausgabe vom 1.3. 2000

Wien (OTS) - Wie es ohne den Jörg sein wird, das konnte sich
keiner so recht vorstellen. Die noch wichtigere Frage, ob denn die Susanne auch nur annähernd den Jörg ersetzen wird können, wagten sich die von Haiders Rückzug überraschten Mitglieder der FPÖ-Bundesparteileitung am Montagabend gar nicht erst zu stellen. Nein, ohne Jörg ist die FPÖ nicht mehr, was sie in den letzten Jahren gewesen ist.

So erleben es jedenfalls ihre führenden Funktionäre. Und dem Jörg wird es recht so sein. Auch wenn Haider sein Image im Inland viel wichtiger als das im Ausland ist: Wenn die, die der FPÖ ohnehin nicht nahe stehen, eine Imageänderung bei den Freiheitlichen erleben, dann kann das nicht schaden. Eine FPÖ, die ohne den Jörg eine andere ist, ist vielleicht salonfähig.

Anders ist es bei den Parteigängern. Denen kommt es nicht darauf an, was andere denken; Salonfähigkeit ist keine Kategorie. Sie haben andere Sorgen: Natürlich hoffen die Funktionäre, dass sich die Haider-FPÖ möglichst wenig ändert. Denn das System Haider war ja über eineinhalb Jahrzehnte ein Erfolgssystem, dem die meisten der heutigen Funktionsträger ihren Status verdanken - so lange sie eben mit dem Jörg gut stehen.

Derzeit hat es Haider darauf angelegt, dieses System so zu verfeinern, dass es ihm selber Stabilität sichert. Denn die letzten Wochen haben gezeigt, dass die Regierungsbeteiligung zu Abstrichen und Kompromissen zwingt.

Die Diskussion um die 60.000-Schilling-Grenze ist ja nur ein schwacher Vorgeschmack darauf, welche Auseinandersetzungen um jene Wahlversprechen geführt werden müssen, die für die Bürger spürbar sind: Wenn Haider schon nicht für die Einhaltung der Einkommensgrenze sorgen kann, wie kann er dann verantworten, dass jungen Müttern der Kinderscheck bis zum sechsten Lebensjahr vorenthalten wird? Wie kann er verantworten, dass tüchtige Österreicher eine progressiv berechnete Einkommenssteuer an einen (freiheitlichen!) Finanzminister abliefern müssen anstatt die Segnungen der Flat-Tax zu genießen?

Haider kann und will nicht dafür geradestehen. Deshalb der taktische Rückzieher. Soll doch die getreue Susanne dafür einstehen. Sie wird das tun. Vielleicht gelingt das Projekt ja ohne Schrammen in der Öffentlichkeit. Dann hat sich die Vizekanzlerin bewährt. Vielleicht bewährt sich ja auch der frisch ausgetauschte Justizminister Böhmdorfer, der sich bisher um die authentische Interpretation von Haiders Aussagen in den Medien bemüht hat. Wenn alles gut geht, gibt der Jörg einen aus. Und kommt bei Gelegenheit als Kanzlerkandidat zurück in den Kreis der Platzhalter.

Sollte es aber schief laufen in dieser Regierung, läuft es eben schief. Haider selber wird das keine Schrammen zufügen.

Denn auch das gehört ja zum System Haider: Er ermuntert alle, nach bestem eigenen Gewissen im Sinne der freiheitlichen Bewegung zu agieren - und sei es gegeneinander. Wer in diesem Wettstreit erfolgreich ist, darf sich in Haiders Wohlwollen sonnen - wer unterliegt, erfährt im Nachhinein, dass der Jörg seine Ermunterung doch anders gemeint hat. Pech gehabt.

Dann kommt der Jörg eben als Retter, der aufräumen muss - so wie er das 1986 gemacht hat, als die FPÖ an ihrer Regierungsbeteiligung fast zerbrochen wäre. Für Haider ist der taktische Rückzug also eine Win-Win-Situation.

Im Spiel bleibt er ja jedenfalls - denn auch wenn er "nur" Landeshauptmann von Kärnten ist, ist er der begehrteste Redner. Denn auf Wahlkampfveranstaltungen ist es ziemlich egal, ob ein Landesparteichef seinen Jörg als Bundesparteiobmann oder als Landeshauptmann von Kärnten ankündigen kann - das Publikum kommt Haider-Schauen. Und bleibt aus, wenn der Jörg seinem Parteifreund die Gunst entzieht und daheim bleibt. So bleibt das System Haider erhalten - ohne dass ein gewählter Funktionär dafür verantwortlich gemacht werden könnte.

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