"WirtschaftsBlatt" über Haider. Das Kapitel Haider ist vorbei (von Peter Muzik)

Ausgabe vom 1.3.2000

Wien (OTS) - War das bloss einer seiner taktischen Schachzüge, die man hinlänglich kennt, oder ging es ihm diesmal wie einem angeschlagenen Boxer? Das ist die Kernfrage nach Jörg Haiders überraschendem Rückzug als FPÖ-Chef.

Im Gegensatz zur herrschenden Einheitsthese vertrete ich die Auffassung, dass Haider erstmals kapituliert hat: Der von ihm in dieser Härte nicht erwartete Widerstand gegen seine Person im Ausland dürfte ihm ebenso zugesetzt haben wie die unendlichen Troubles im Inland, für die nicht zuletzt seine eigene blaue Minister-Riege sorgte. Jetzt darf der umstrittene Polit-Zampano endlich beweisen, dass er in Kärnten etwas weiterbringt; jetzt kann er wenigstens einige seiner zahlreichen Versprechen auch realisieren; und jetzt sollte er vor allem die ohnedies angeschlagene Bundesregierung in Ruhe lassen. Haider mag zwar damit spekulieren, sich aus der Verantwortung zu stehlen und die Drecksarbeit anderen zu überlassen, um letztlich als Kanzlerkandidat ein Comeback zu feiern. Eines sollte ihm allerdings klar sein: Sein erklärtes Ziel, irgendwann der erste blaue Bundeskanzler zu werden, muss er sich abschminken. Aus mehreren Gründen: Erstens ist es völlig unwahrscheinlich, dass Haider sein Radikalo-Image los wird - das bliebe ihm, selbst wenn er ab morgen freiwillig als fleissiger Ministrant aufträte oder das Bärental herschenkte. Zweitens wäre es naiv, anzunehmen, dass ihn die ausländische Kritikerphalanx künftig auch nur eine Sekunde lang aus den Augen verlieren könnte. Haider wird weiterhin ihr bevorzugtes Feindbild sein - und sobald er sich anschickt, an die Macht zu gelangen, würden erneut alle Staaten über ihn herfallen. Drittens müsste er auch wissen, dass sein Weg an die Macht auf Bundesebene unrealistisch geworden ist: Nach all dem, was passiert ist, müsste zum einen erst der Bundespräsident erfunden werden, der Haider nach der nächsten Wahl mit der Bildung einer Regierung beauftragt. Zum anderen ist so gut wie sicher, dass eine siegreiche FPÖ im Fall des Falles weder von einer geschlagenen Volkspartei noch von den Sozialdemokraten Unterstützung erwarten dürfte. Wahrscheinlichste Variante: Eine rot-schwarze Koalition würde die FPÖ wieder in die Opposition und Jörg Haider endgültig in die Wüste schicken. Siehe Seite A7 PM

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