"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Die zweite Chance" (von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 29.02.2000

Bregenz (OTS) - Jörg Haider verwirrt Freund und Feind. Sein gestriger Rücktritt als Bundesparteiobmann kann sowohl der Anfang vom politischen Ende des umstrittenen Parteichefs wie auch das genaue Gegenteil gewesen sein: Gelingt es ihm, sich in der zweiten Reihe von den internationalen und innenpolitischen Turbulenzen zu erholen, stünde ihm der Weg ins Kanzleramt sogar eher offen als jetzt.

Man kann davon ausgehen, dass Jörg Haider selbst als Lebensziel nach wie vor den Sprung an die Spitze dieses Staates hat. Die ersten Äußerungen seiner Parteifreunde nach dem formalen Rücktritt bestärken ihn darin: Da spricht Prinzhorn vom "starken Mann", der sich keineswegs in die zweite Reihe zurückziehen werde, und Minister Schmid hofft, dass er "gut erholt als Bundeskanzler wiederkommt".

Ob das ehrlich gemeint ist, werden die nächsten Wochen zeigen. Nicht zuletzt werden die Reaktionen des Auslands und der "Opposition der Straße" mitbestimmend sein, ob Haider in der Politik weiter mitmischen wird oder nicht. Man weiß auch in der FPÖ sehr wohl, dass Haider zwar die Stimmen bringt, mit ihm aber kein Staat zu machen ist. Das hat die Isolation der schwarz-blauen Regierung in den letzten Wochen klar gezeigt. Ohne Haider hätte die FPÖ zwar weniger Mandate, aber mehr politisches Gewicht und größeren Handlungsspielraum nach allen Seiten.

Derzeit sieht der Rücktritt des FP-Chefs nach einer politischen Finte aus, die ihn noch stärker machen soll. Die innerösterreichischen Demonstrationen und die internationalen Proteste haben mit dem Rücktritt Haiders aber zumindest formal ihr Ziel erreicht. Wenn jetzt rasch wieder an allen Fronten Normalität einkehrt, könnte das zur Chance werden, dass sich die FPÖ bald an ein politisches Leben ohne Jörg Haider gewöhnt. ****

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