DER STANDARD bringt in seiner Mittwoch-Ausgabe einen Kommentar über die vorgeschlagenen Sparmaßnahmen bei der Gesundheit: Das Dilemma mit der Gesundheit. Billiger wird's nicht, daher gibt es zwei

Möglichkeiten: Rationieren oder mehr Geld (von Martina Salomon) Ausgabe vom 23.2.2000

Wien (OTS) - Natürlich lässt sich im Gesundheitswesen sparen. Zum Beispiel, wenn über Siebzigjährige keine Hüftoperation mehr bekommen. Oder wenn Patienten am Tag nach der Operation aus dem Spital entlassen werden. Oder wenn Schizophrene ein Medikament mit Nebenwirkungen bekommen, weil das neue, verträglichere viel teurer ist.

Kurz: Sparen an der Gesundheit ist ein ewiges Dilemma. Im
Großen und Ganzen gibt es nur zwei Möglichkeiten: Rationieren oder mehr Geld auftreiben.

Bei der aktuellen Debatte - Selbstbehalt ja (ÖVP) oder nein (FPÖ/SPÖ) - geht es ans ideologisch Eingemachte. Immerhin stellt ja das Koalitionsabkommen den Krankenkassen frei, Selbstbehalte einzuführen, wenn sie negativ bilanzieren. Das entledigt die Regierenden der unangenehmen Verantwortung dafür.

Nun herrschen innerhalb der Regierung zwei Denkschulen zum Selbstbehalt: FPÖ-Staatssekretär Reinhart Waneck versteht ihn sozusagen als leicht erhöhte Krankenscheingebühr (80 statt 50 Schilling), die beim Arzt pro Quartal - und bei jedem einzelnen Besuch in der Spitalsambulanz zu zahlen wäre.

In der ÖVP stellt man sich jedoch einen Selbstbehalt a la
Beamte und Gewerbetreibende vor, von dem Kinder und Ausgleichszulagenempfänger ausgenommen wären, und der eine Höchstgrenze von rund 3000 Schilling jährlich nicht überschreiten dürfte.

Die FPÖ schielt nun logischerweise auf den "kleinen Mann",
dem sie ihre zahlreiche Wahlerfolge verdankt. Waneck schlägt daher eine Beseitigung der Höchstbeitragsgrundlage in der Krankenversicherung vor. Sprich: Reiche sollen mehr für ihre Gesundheit zahlen. Klingt gut, ist jedoch problematisch, weil es den Solidargedanken in der Sozialversicherung sprengen könnte: Wer letztlich ein Vielfaches für die gleiche Leistung zahlt, bekommt Absprungtendenzen aus der Gemeinschaft der Zahler. In Deutschland sind Höchstverdiener bereits aus der allgemeinen Kasse herausgenommen.

Abgesehen davon würde bei einer Erhöhung der Höchstbeitragsgrundlage auch der Finanzminister "bluten": Wäre etwa diese Grenze (43.200 Schilling) doppelt so hoch wie jetzt, brächte das der Krankenversicherung zwar drei Milliarden Schilling, doch aus dem Lohnsteueraufkommen wären 1,3 Milliarden abzuziehen.

Also doch Sparen bei den Medikamentenkosten, die besonders schnell wachsen? Auch hier sind Illusionen zu zerstören. Der Arzneimittelverbrauch pro Einwohner liegt in Österreich unter dem EU-Schnitt. Lediglich bei den Großhandelsspannen befindet man sich hierzulande leicht über dem Medianwert.

Die Pharmaindustrie investiert Unsummen in die Entwicklung
neuer Medikamente und deren (aufgrund zahlreicher Sicherheitsbestimmungen immer bürokratischerer) Zulassung. Diese Ausgaben müssen - wenn das Mittel dann endlich auf dem Markt ist -innerhalb von rund zwölf Jahren hereingebracht werden. Dann fällt der Patentschutz.

Diese neuen Mittel sind sauteuer - aber sie wirken häufig
auch ziemlich gut. Ein Beispiel dafür sind die (in Österreich gerade klinisch erprobten, in den USA aber seit zwei Jahren zugelassenen) gentechnisch erzeugten Hautflecken, genannt "Apligraf". Sie schließen Wunden, die nicht heilen, und können (teurere und risikoreichere) Transplantationen verhindern.

Weil zur modernen Medizin nicht nur High Tech, sondern auch
"High Touch" gehört, wird es ab diesem Sommer in Österreich auch Psychotherapie auf Kasse geben.

Höhere Krankenversicherungsbeiträge oder Selbstbehalte sind daher beinahe unumgänglich. Die heimischen Kassen mit Selbstbehalt haben den Charme, dass sie deutlich besser bilanzieren - und ihre eigenen "Gesundheitskontrollore" besitzen. Denn wer auf der Quartals-Abrechnung ein 15-minütiges Arzt-Gespräch findet, aber nur die klassische Fünf-Minuten-Medizin genossen hat, wird ziemlich schnell protestieren.

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