KURIER-KOMMENTAR von Alfred Payrleitner über die Abgründe in Österreichs Geschichte. Heldenplatz, Anstand und Shoah-Business

Ausgabe vom 23.2.2000

Wien (OTS) - Seit gestern verhandelt Maria Schaumayer über die Fragen der Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern. Das kommt einem Hochseilakt ohne Netz gleich: Hier das Gebot simplen Anstands - dort ein gewisses Shoah-Business. Wer jüdische und polnische Freunde hat, weiß, wie tief hier die Gemeinden selber gespalten sind. Die Regierungsbeauftragte ist glaubwürdig, wenn sie einen Lösungsversuch "ohne Zaudern und Zögern" verspricht. Doch der kann und wird leider weder so rasch noch so eindeutig verlaufen, wie es wünschenswert wäre. Zu kompliziert ist die Materie, zu unklar die Aussicht auf ein Ende des Verfahrens nach getroffener Vereinbarung. Auch in Deutschland spießt es sich noch immer mit dem Entschädigungsgesetz, das peinliche Feilschen um die richtige Verteilung des Geldes scheint endlos.

So wird es auch bei uns sein. Auf jeden Fall wird es nun teurer. Trotzdem und eben deswegen muss das Problem endlich angepackt werden. Nicht nur aus Anstand und österreichischer Selbstachtung, sondern auch aus politisch-historischer Konsequenz: So wie 1938 sind wir eben auch in der Entschädigungsfrage prinzipiell an Deutschland angeschlossen. Wie es sich überhaupt aufdrängt, die derzeitige Krise zu einem neuen Anlauf österreichischer Geschichtsbewältigung zu nutzen.

Mehr noch als Holocaust-Bewusstsein scheint die Selbsterforschung der heimischen NS-Genese angebracht zu sein. Warum sich hier die Verwechslung historischer Bezüge (Erinnerung an das alte "Reichsgefühl") mit ökonomischer Zwangslage, Nichtverstehenkönnen der Moderne, Jugendkult und vielerlei Ängsten zu einem teuflischen Wirkungsgebräu vereinte, ist in vielen Familien noch immer zu wenig klar. Dass damals Gebildete sehr dumm und einfache Leute sehr klug sein konnten, weiß man. Dass nur die wenigsten ahnten, was wirklich geschehen würde, auch.

Als sie es merkten, war es zu spät. Die Bedingungen des Terrors, unter denen man damals lebte, sind heute schwer zu vermitteln, und das erzeugt den fatalen Eindruck, dass es nur verklemmt schweigende Mörder und zahllose Opfer gegeben habe. Trotz Tausender Bücher und Hunderter TV-Dokumentationen blieben für viele die Väter und Großväter meist rätselhafte Wesen. So vernebelt das Etikett "Faschist" heute mehr, als es erklärt. Umgekehrt ist wenigen alten Kameraden bewusst, dass der 2. Weltkrieg auch ein ideologischer Bruderkrieg war: Deutsche gegen Deutsche und Österreicher gegen Österreicher. Bei schwerwiegenden Unterlassungen. Vor jubelnden Massen 1938 (ebenfalls am Heldenplatz) "Rot-Weiss-Rot bis in den Tod" zu rufen und gleich darauf zu kapitulieren, hatte eben seinen Preis. Wobei der materielle Preis noch der geringste war - und ist.

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