"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Achtung Politik" (von Günther Schröder)

Ausgabe vom 18. 2. 2000

Innsbruck (OTS) - Es ist ein ungeschriebenes politisches Gesetz, dass logische Kronprinzen schlussendlich nicht zum Zug kommen. Der frühere Innenminister Karl Schlögl hatte sich zu weit aus dem Fenster gelehnt, da half auch der angebliche Rückhalt in der Bevölkerung nichts. Von Omofumas Tod bis zum versuchten Flirt mit Haider - der Niederösterreicher ist in der Partei diskreditiert, er hätte die SPÖ gespalten.

Ist der designierte Parteichef Alfred Gusenbauer deswegen ein Verlegenheitskandidat? Das ist nur bedingt so zu sehen. Natürlich macht die panische Suche Klimas und die Kür des SPÖ-Leichtgewichtes Gusenbauer deutlich, wie dünn die Personaldecke der größten österreichischen Partei nach 30 Jahren Kanzlerschaft geworden ist. Trotzdem zeigt es auch, dass die SPÖ noch die Kraft zu einem richtigen Generationswechsel hat. Nach dem Bankdirektor Vranitzky und dem Manager Klima kam darüber hinaus endlich wieder ein gelernter Politiker zum Zug, der der ideologisch ausgelaugten Partei wieder neue Inhalte einhauchen könnte. Dass dies ausgerechnet der Alt -Linke Gusenbauer sein soll, der in den 70-ern nicht nur nach Nicaragua pilgerte, sondern dem man auch nachsagt, er habe seinerzeit bei seiner Ankunft am Moskauer Flughafen Scheremetyevo glückselig sowjetische Erde geküsst, ist kein Widerspruch. Die Biografien anderer erfolgreicher europäischer SP-Chefs sehen ähnlich aus.

Die SPÖ hat jetzt jedenfalls wieder die Chance, anstatt das Land nur zu verwalten und geistig zuzubetonieren, wirklich Politik zu formulieren und zu machen. Hätte sie das schon früher getan, wäre ihr der Abschied von der Macht wahrscheinlich erspart geblieben.

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